Es hat ja großen Wirbel ausgelöst: Günter Grass war in der SS-Schachgruppe Waffen-SS. Manche nehmen das ehemalige Mitglied der Mörderbande in Schutz und verteidigen ihn. War ja alles nicht so schlimm. Er war ja nur ein kleiner Mitläufer und überhaupt hätte er ja keinen einzigen Schuss abgegeben. Alles nicht so schlimm, oder? Das sich jemand so als Moralapostel aufschwingt und dann aber Mitglied in der SS war und das 60 Jahre lang verschweigt, daß ist Heuchelei. Man muss sich die Frage stellen: warum hat er solange geschwiegen und hat nicht schon vor 20 oder 30 Jahren erklärt, daß er in der SS war? Ein Grund dürfte sicherlich sein, daß er sich seine Karriere nicht verbauen wollte und vor allem wäre dann sein ständiges Moralisieren als Heuchelei entlarvt worden. Spätestens nach der “Blechtrommel” hätte er, der doch zu allem etwas zu sagen hat, den Mund aufmachen und die Wahrheit sprechen sollen. Hätte er dann den Nobelpreis bekommen, wenn bekannt gewesen wäre, daß Grass ein SS-Mann war? Sicherlich nicht. Aber Grass ist ein ehrenwerter Mann.
Ein sehr interessantes Interview mit dem Historiker Hannes Heer findet sich bei Spiegel Online. Dort sagte Heer, der ein ausgewiesener Experte für den 2. Weltkrieg ist, zu der Behauptung von Grass, daß er sich eigentlich zur U-Boot-Flotte gemeldet hätte:
Dass man von der Wehrmacht, ohne das zu erfahren, einfach zur Waffen-SS durchgereicht wurde, das ist mir neu. Und dass die U-Boote im Sommer 1944 keine Rekruten mehr angenommen haben, ist mir bisher nicht bekannt gewesen. Das wäre ja verdeckte Kapitulation gewesen. Zudem hat man bei dieser durch enorme Verluste dezimierten Truppe bis zum Schluss mit neuen Waffen experimentiert, den Ein-Mann-Torpedos zum Beispiel. Und dann gab es noch großen Bedarf in anderen Teilen der Marine.
Dann kommt Heer auf jenen Punkt zu sprechen, an den wohl viele denken, wenn man die Enthüllung von Grass einordnen will:
Grass’ Enthüllung kommt zeitlich gut platziert. Hätte er früher davon gesprochen, etwa 1985, als Kohl und Reagan den Soldatenfriedhof Bitburg besuchen wollten, auf dem es auch Gräber von Waffen-SS-Männern gab, hätte es einen Aufschrei gegeben. Heute, wo man geneigt ist, die Deutschen als Opfer und Hitler wieder als Alleinschuldigen zu sehen, mag sich keiner mehr aufregen. Und Grass hat seinen Nobelpreis und muss keine Rücksichten mehr nehmen. Dabei gibt es eine Menge Fragen, die sich aufdrängen und die in der Debatte nicht gestellt wurden.
Die Zeiten haben sich eben geändert. Jetzt werden die Täter von damals, als arme Opfer dargestellt, die vom pöhsen Führer verführt wurden und da ist eine SS-Mitgliedschaft nicht schlimmer, als die Mitgliedschaft in der NS-Schachgruppe. Der Relativismus feiert fröhlich urständ. Dazu will Grass noch ordentlich Propaganda für sein neues Buch machen, daß im September erscheinen wird.












Interessant, dass Du meinst, dass jeder, der nicht die sofortige Rundum-Verächtlichmachung von Grass fordert, angeblich Täter zu Opfern machen wolle. Dass Differenzierung bei der Erörterung der perönlichen Schuld bedeutet, dass man Täter zu Opfern macht, ist mir neu.
Aber wo wir schon bei solchen Verdrehungen sind: Was hältst Du denn von denen, die sich geradezu darana aufgeilten, wenn aus den Opfern Täter würden? Stichwort: “Lieber Täter als Opfer sein” – das ist also akzeptabel?
MfG
Daniel
Was ich ja richtig schäbig von Grass finde ist, daß er im Interview mit Wickert sagt, daß die Leute in seinem neuen Buch alles darüber lesen sollen, was seine Mitgliedschaft in der SS betrifft. Wäre Grass Jude, dann würden die Deppen doch wieder was von Geldgierig faseln.
Du willst jetzt aber nicht die SS-Mitgliedschaft von Grass entschuldigen oder verharmlosen? JEDER der im Nazi-Regime mehr oder weniger aktiv mitgemacht hat und schon gar jene die in bewaffneten Verbänden tätig waren, haben sich schuldig gemacht. Wer das wegdiskutieren will, der ist ein Relativist, wenn nicht sogar ein Revisionist.
Ich habe mich vor allem auf meiersonline bezogen, denn der hatte folgendes geschrieben:
Wie viele Brüder, Väter, Onkels, Großväter und andere Verwandte in deutschen Familien haben erst viele Jahre nach dem Krieg mit der Wahrheit über ihre Zeit als Soldaten berichtet?
…
Als normaler Soldat der SS in den letzten beiden Kriegsjahren ist Grass moralisch aber weder besser noch schlechter zu beurteilen, als die oben erwähnten Großväter, Väter, Bruder, usw. die auch irgendwann mit der Wahrheit herausgerückt haben und dabei ihren Familien in die Augen sehen mussten
Würde es sich hier um einen nicht “linken” Autor handeln, dann wärst Du doch der Erste der Rabbatz machen würde und “Nazi, Nazi” rufen würde. Und ist Grass nicht ein Anti-Deutscher? War er nicht gegen die Wiedervereinigung? Mit dem Auschwitz-Argument!
Diese Generation hat sich fast komplett mit Schuld besuldelt. Von denen sollte keiner mehr auch nur irgendwas zu melden haben. Ich kann Grass nur raten: “Halt die Fresse, du Ex-Nazi.” Dann lese ich da was von “normaler Soldat der SS”. Da bekomme ich das kotzen. Das ist doch blanker Revisionismus a la Knoop und “Ich bin es nicht gewesen. Adolf Hitler war es.”
Was mich auch empört ist, daß Grass sich doch immer als Moralapostel aufgespielt hat und dabei doch jedesmal seine SS-Mitgliedschaft im Hinterkopf gehabt haben muss.
@telegehirn
Geht es so sehr darum ob er mit 17 bei der SS war? Vielleicht war er ja nur Lakai aeh Ordonanz bei einem Offizier? Die Fragen sind nicht so wichtig. Aber seine Art und Weise wie er andere fertig gemacht und verleumdet hat – die ist fraglich. Du hast recht: Seine Rolle als Moralapostel ist der springende Punkt.
Und stimmt – waere er kein linker Autor gewesen, dann wuerden die Dreckkanonen ohne Gnade in Betrieb sein. Nun muessen die Linken damit leben, dass ein weiteres Mal die eigene Lebensluege broeckelt. GG ist nur eine weitere Nummer in einer sehr langen Liste.
Anders herum – wenn man das hier liest:
http://tinyurl.com/ordnc
oder hier
http://tinyurl.com/mgjkm
Dann war es nur eine Flucht nach vorn? Hat man den Herren erpresst? Wuerde ja gut passen – den Unterdrueckerstaat hat er ja immer mit seinen Aussagen weichgespuelt. Wer weiss, was da noch rauskommt…
P.S. Stimmt – toller PR-Schachzug fuers neue Buch – hat ihm vielleicht sein Busenfreund Gerhard dazu geraten. Der war ja auch skrupellos und hat seine Genossen “ueberrascht”.
Wo habe ich einen Täter zum Opfer gemacht. Ich habe sogar explizit darauf hingewiesen, dass sich die Situation komplett ändert, wenn Grass Verbrechen begangen haben sollte. Die reine Tatsache Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein ist kein Verbrechen.
Dazu ein aktueller Artikel beim SPIEGEL: “Es ist ein Armutszeugnis, wie Grass behandelt wird” – http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,431855,00.html
MfG
Daniel
Schreibwaisen
Immer wieder Rechtschreibreform! Diese Woche beschwert sich Herr Hartlap über die jenigen, die sich über die Rechtschreibreform beschweren, und macht uns auf einige Tücken der selbigen merksam:
Zwischen wiederfinden und wieder finden, zwischen haltm…
[...] http://telegehirn.wordpress.com/2006/08/15/unser-taglich-grass-gibt-uns-heute/ [...]
Hannes Heer ist bei weitem kein ausgewiesener Historiker und 2. Weltkriegsexperte! Eine Wissenschaft und somit auch ihre Vertretung in Form von Wissenschaftlern zeichnet sich unter anderem durch einen Objektivitätsanspruch aus! Dem wird Heer nicht gerecht! Seit er aufgrund der Kapriolen um die erste Wehrmachtsausstellung in seinem ehemaligen Institut arbeitslos ist, wettert er ziemlich heftig gegen alles und jeden. Sämtlichen Schriften Heers ist seit dem Wut und Enttäuschung anzumerken und das trübt den Lesegenuss doch gewaltig. Sicherlich sind seine Einwände oft gerechtfertigt (aber längst nicht immer! Heer merkt man deutlich einen linken Einschlag an, darum wurde er bereits in den 70ern arbeitslos, denn ursprünglich war der Mann Lehrer!), aber seine permanenten Attacken gegen andere unter dem Deckmantel historischer Objektivität sind weit entfernt von dem, was man schlechthin als Wissenschaft bezeichnet und was ihn folglich als “ausgewiesenen Historiker” ausweisen würde! so siehts aus…