…aber trotzdem irgendwie erwähnenswert ist. Als Blogger, gerade als Einzelner, der einen Blog mit Inhalten füllen muss, steht man immer vor Frage, was man bringt und was man weglässt. Dazu kommen noch jede Menge Themen, die sich noch auf der Warteliste befinden und oft leider zurückstehen müssen, da aktuelle Ereignisse, in der virtuellen und der realen Welt, ihnen den Weg in das Blog versperren. Dazu kommen noch eine Reihe von Artikeln die schon lange fertig oder halbfertig sind und es trotzdem, aus vielerlei Gründen, nicht an das Licht der Öffentlichkeit schaffen. Manchmal wünschen Betroffene es auch nicht, daß man ihre Geschichte bringt oder ich weigere mich, weil das Thema mir wahrlich zu heikel erscheint, obwohl es schon in meinen Fingern juckt.
So verzichtete ich unlängst auf die Story über Schwarzarbeiter, die in Berlin, in der Botschaft eines nordafrikanischen Staates arbeiten, der erst jüngst von der Liste der „Schurkenstaaten“ gestrichen wurde und dabei noch ALG 2 kassieren. Oder folgende Geschichte, die ich nun doch einmal erwähnen muss, weil mich die Sache nicht mehr loslässt.
Ich bin seit längerer Zeit nebenbei in der Erwachsenenbildung aktiv und unterstützte das eine oder andere Projekt, ohne das hier wie eine Monstranz vor mir herzutragen. Jüngst gab es da einige Fälle von Behördenirrsinn, die mich ehrlich gesagt auf die Palme bringen und bei solchen Fällen, frage ich mich ernsthaft, warum nicht viel mehr Opfer der Bürokratie durchdrehen und Geiseln nehmen. So wurde einer weitgehend an den Rollstuhl gefesselten jungen Frau, die an einer unheilbaren Muskelkrankheit leidet und die freiwillig die mittlere Reife an einer Abendschule nachholt, von einem Bezirksamt in Berlin, die Finanzierung einer Gehhilfe verweigert. Die Begründung ist menschenverachtend und zynisch: Die junge Dame könnte doch ihren Rollstuhl schieben und sich so sportlich betätigen und deshalb bräuchte sie doch gar keine Gehhilfe. Zum Schieben des schweren Rollstuhls ist sie gar nicht mehr in der Lage und ist in der Schule auf ihren Mann, der ebenfalls, wegen seiner Frau (das ist Liebe!), die mittlere Reife nachholt, angewiesen, da es ihr fast unmöglich ist, selbstständig zu schreiben. So wurde ihr auch jegliche finanzielle Unterstützung zum Erwerb eines Laptops verweigert, da sie doch schon vor 10 Jahren (!) einen Zuschuss erhalten hätte und den Laptop doch auch heute noch nutzen könnte.
Dann sind da noch Fälle, bei denen die Jobcenter wieder einmal beweisen, daß ihr Personal oft unfähig, inkompetent oder böswillig ist und eigentlich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung gestellt werden sollte, anstatt andere Menschen zu drangsalieren. Da gab es in der jüngeren Zeit zahlreiche Fälle, von ALG 2 Beziehern, die ebenfalls an Abendschulen verschiedene Schulabschlüsse nachholen. Aus Eigeninitiative und nicht etwa, weil das Jobcenter Druck gemacht hätte. Einige dieser Menschen arbeiten tagsüber 6 Stunden als MAE-Kräfte für 1,50 € die Stunde und drücken am Abend noch die Schulbank, um Ausbildungen antreten zu können, für die ein bestimmter Schulabschluss notwendig ist. Da einige Abendschulen eine Kaution für Bücher verlangen, ging eine Frau zum Jobcenter, um zu fragen, ob man sie dabei nicht in irgendeiner Form unterstützen könnte. Was natürlich nicht möglich ist, weil man solche Eigeninitiativen, die nicht von irgendwelchen Bürokraten erdacht, geprüft und genehmigt wurden, nicht unterstützen will. Schön und gut.
Die Folgen diese Anfrage waren allerdings recht übel, da man umgehend die Bewilligung des ALG 2 zurückzog und die „Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“ ersatzlos strich, da ja nun Bafög beantragt werden könne. Allerdings wurde von mindestens zwei Sachbearbeitern des Jobcenters, ob mutwillig oder aus Inkompetenz vermag ich nicht zu sagen, übersehen, daß man in diesem speziellen Fall jenseits der 30 gar kein Bafög mehr bekommt und das es sich hier auch noch um einen Vorkurs handelt, der generell nicht dazu berechtigt Leistungen nach dem Bafög zu erhalten. Die Krönung ist aber: Da der Vorkurs, der ohnehin nicht förderwürdig ist, weniger als 20 Wochenstunden umfasst, wäre sowieso kein Bafög möglich. Aus drei Gründen ist die Entscheidung des Jobcenters daher offensichtlich rechtwidrig. Anstatt man beim Jobcenter die offenkundigen Fehler einsehen würde, besteht man dort darauf, daß die Frau trotzdem einen Antrag auf Bafög stellt, um dann eine Ablehnung zu erhalten, mit der dann die Leistungen wieder bewilligt werden, wenn die Ablehnung beim Jobcenter vorgelegt wird. Dabei sind alle Umstände dem wirklich zuständigen Mitarbeiter beim Jobcenter bekannt und die Teilnahme war nicht nur abgesprochen, sondern auch Bestandteil der Wiedereingliederungsvereinbarung mit dem Jobcenter. Übrigens kam der Ratschlag mal beim Jobcenter anzufragen, ob die Kaution übernommen wird, vom zuständigen Arbeitsberater, der selber nicht genau wusste, ob da Hilfen möglich sind. Die Arbeitsberater sitzen in einem anderen Gebäude, als der Rest des Jobcenters.
Genug über grimmige Themen, bei denen man sich fragt, wie man gegen den kafkaesken Behördenwahnsinn ankommt, weil die Bürokraten sich sehr wohl bewusst sind, daß ihnen nicht viel passieren kann, egal wie viel Bockmist sie bauen.















„Ich bin seit längerer Zeit nebenbei in der Erwachsenenbildung aktiv…“
Der bemüht pädagogische Ansatz war ja auch nicht zu übersehen, Personaler hauptberuflich?
Nicht hauptberuflich, aber eben sehr engagiert, weil aus meinem Umfeld auch viele Menschen dort tätig sind und so rutscht man dort eben herein.
Bin ja auch oft oberlehrerhaft.
Wichtig ist, dass man das macht, was man kann.
Dann eben, wenn nicht persönlich gehaftet wird, die Leiter rauf und denen darüber einen Arschtritt verpassen.
Für irgendetwas muss doch die Blöd-Springer-Zeitung gut sein.
Hab heute wieder den Verein „Job“-Center erlebt (http://fdog.org/2007/09/06/hartz-of-darkness/). Man will wirklich nur noch Amok laufen
tja, mein freund, deine sozialversuche konterkarieren deine bisherige haltung, biste nu ein anarcho oder ne sozialante. ;.)
sozialTANTE muss es heißen!
Lustigerweise werfen ja Leute wie Che oder MomoRules in Diskussionen mit Liberalen diesen vor, eine kaltherzige Gesellschaft zu fördern und eben solchen Wahnsinn, wie Du ihn in Deinem Beitrag schilderst. Wahrscheinlich ist die Linkspartei auch noch zu „neoliberal“ und unternimmt daher dort, wo sie regiert oder mitregiert zu wenig…..
@ Daniel:
Das hatte ich gestern abend auch noch gelesen. Das scheint Methode zu haben und oft erscheint das alles wie Willkür und Entscheidungen hängen vom Sachbearbeiter ab. Der eine sagt ja und der andere nein. Vollkommen irre. Das heisst dann Ermessensspielraum! Ich nenne das Willkür.
@ Marlin:
Das habe ich auch geraten: Wendet euch doch an eine Zeitung und wenn es die BZ ist, aber viele möchten nicht mit einem Foto in der Zeitung erscheinen und sich dann stigmatisiert fühlen. Ist halt eine Frage, wie hoch der Leidensdruck ist und leider sind viele, natürlich nicht alle, ALG 2 Empfänger da etwas träge und wehren sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht gegen die Behörde. Leider.
@ NUB:
Tja, die Linkspartei oder wie sie sich jetzt nennt: die Linke. Als Gysi noch Wirtschaftssenator war, wurde die Behördenpost, ansatt durch die POST AG, von einem privaten Zustelldienst ausgetragen, der Löhne zahlte, die alles andere als ausreichend waren. Ich habe da mal Arbeitsverträge gesehen und irgendwo liegt auch noch eine Kopie rum. Da schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen. Dieser private Dienst, hat dann oft Ausländer eingestellt, die auf den Job angewiesen waren, sonst hätte es Probleme mit dem Bleiberecht bzw. der Einbürgerung gegeben. Diese Firma hat mehrmals den Besitzer gewechselt und vor ein paar Jahren, ich weiß nicht, wie es heute aussieht, wurden Leute rausgemobbt, die einen Betriebsrat fern der reformistischen Gewerkschaften gründen wollten.
Der Irrsinn liegt ja auch oft an der Bürokratie und der StaatsSozialismus produziert eine Mega-Bürokratie.
@ JR:
Das eine steht in keinem Widerspruch zum anderen. Viele Genossen engagieren sich in vielfältigen Zusammenhängen und Strukturen. Nur beschränkt sich das eben nicht auf Copy&Paste irgendwelche Aufrufe, die man per Mail erhält und so sein Gewissen beruhigt. Ich trage mein „soziales Engagement“ nicht wie eine Monstranz vor mir her und beweihräuchere mich ständig. Ich mache noch ganz andere Sachen, die sowas von gutmenschlich und überethisch sind, das man sich danach wie ein Superheld fühlt. Nur gebe ich damit nicht an.
Das Job-Center, dein liebster Alptraum …
Ich kenne solche Geschichten, wie du sie hier beschreibst, telegehirn, beinahe aus dem direktem Erleben. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre.
Aber einmal angenommen, ein Hart4ler will wirklich seinen Realschulabschluß nachholen, um sich danach um eine Ausbildungsstelle zu bewerben. In 10 von 10 Fällen geschieht so etwas, wie das oben von dir geschilderte, oder aber das Job-Center fährt noch härtere Geschütze auf.
Mein Kollege, der unbedingt seinen Realschulabschluß nachmachen wollte wurde dadurch obdachlos! Er zog ins Männerheim um sich eine neue Bleibe zu suchen. Aber als Hartz4ler packt dich kein Vermieter an. Obwohl einer, der vom Staat seine Kohle kriegt sicherer ist als jemand, der arbeitet. Schließlich hat er sich dann doch in der Schule fest eingeschrieben – obwohl er immer noch im Männerheim wohnhaft war – und mit einem Mal kriegt er dort Post vom Job-Center.
Lange Rede, kurzer Sinn: Das Job-Center entschuldige sich für die Sperre und war gerne bereit, ihm nach vorliegender Aktenlage, zumindest wieder den normalen Hartz4-Satz zu gewähren. Einzige Auflage: Er bricht den Realschulabschluß in der Abendschule sofort ab. Ja, man war sogar so freundlich, darauf hinzuweisen, daß das Job-Center sogar mit seinem alten Vermieter gesprochen hatte und er die alte Wohnung wieder bekommen dürfe. Natürlich würde das Job-Center auch hier die Miete wieder voll übernehmen, sofern er bereit sei, auf seinen Realschulabschluß zu verzichten.
Im gleichen Brief wurde ihm dann noch eine Arbeitsstelle in Aussicht gestellt, die er direkt antreten könne, sobald er wieder umgezogen sei – und von seinem Sinn nach dem Realschulabschluß abgesehen hätte!
Ich fand die Sache so was von ironisch, daß ich zuerst zu seinem Vermieter ging, und dort nachgefragt habe. Die Aussage des Job-Center war korrekt. Dort wartete man nur noch darauf, daß er den Abbruch der weiterführenden Abschlußes mitteilte.
Zusammen gingen wir dann zum Anwalt. Da ich jedoch damals umgezogen bin, und seitdem kein Kontakt mehr zu meinem Kollegen hatte, weiß ich nicht, wie es ausgegangen ist. Ich gehe aber davon aus, daß es nicht vor dem saarbrücker Sozialgericht landete. Wie einige andere Fälle auch, die mir bekannt sind.
An ABM-Maßnahmen darfst du teilnehmen.
An Billiglohnjobmaßnahmen für die Diakonie oder Arbeiterwohlfahrt darfst du teilnehmen.
Aber wehe,
wehe du zeigst Eigeninitative und das du noch selbst denken kannst und wirklich Träume und Pläne hast.
Dann macht dich das Job-Center fertig.
Mir sind genügend Fälle bekannt. Also, telegehirn. Berichte weiter über solche Mißstände. Und da du selbst mittendrin hockst, geb ich dir einen guten Rat: Sorg’ du selbst für die Presse und die negative Publicity, die es braucht, um die Job-Center in ihrem ausgemachten Schwachsinn aufzuhalten.
Sonst ändert sich nämlich nix. Niemals! Und du wirst zum Schluß selbst einer der Bittsteller.
MfG