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Konservative lassen Heroin Dealer jubeln

6 Kommentare

Das Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger läuft zum 30.6.2007 mit den letzten Follow-Ups endgültig aus und obwohl das Projekt ein voller Erfolg war, wird es wahrscheinlich nicht fortgesetzt werden, weil sich CDU/CSU energisch gegen eine Weiterführung zur Wehr setzen. Das Projekt wurde durch eine ausgiebige medizinische Studie, unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. Christian Haasen, Geschäftsführer des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg, begleitet. An dem Projekt sind die sieben Städte Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München, die Länder Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, sowie das Bundesgesundheitsministerium beteiligt.

An der begleitenden Studie, die von Anfang 2002 bis Mitte 2006 lief, beteiligten sich 1.032 Heroinabhängige. Die Studie zeigte, daß die Behandlung mit Diamorphin, einem synthetischen Heroin, gegenüber der Behandlung mit Methadon, erfolgreicher war, sowohl was die Verbesserung des gesundheitlichen Zustands, als auch den Rückgang beim Konsum illegaler Drogen betraf. So ist die Abbruchquote bei der Abgabe von Diamorphin fast zwei Mal niedriger, als bei Methadon. Auch erleichterte Diamorphin gegenüber Methadon den Einstieg in eine Therapie. Mit der deutschen Studie wurden die positiven Erfahrungen von ähnlichen Modellprojekten in der Schweiz und den Niederlanden vollauf bestätigt. Auch die am Modellprojekt beteiligten Städte und Länder sind sich grundsätzlich darüber einig, daß das Projekt ein voller Erfolg war und verlängert werden bzw. auf das gesamte Bundesgebiet ausgedehnt werden sollte. So stellte die Gesundheitsministerkonferenz der Länder schon im letzten Sommer fest, daß die Studie zeigt, dass mit der Diamorphinbehandlung bestimmte schwerkranke Opiatabhängige therapeutisch erreicht und in andere Behandlungsformen überführt werden können. Die Länder und Kommunen befinden die Ergebnisse der Studie zwar für gut, aber einerseits wollen sie für eine Fortsetzung keinerlei Mittel zur Verfügung stellen und andererseits weisen sie daraufhin, daß die Gesetzgebungskompetenz für das BTMG beim Bund liegt.

Jedoch könnten die Länder durch eine Bundesratsinitiative den Druck auf den Bundestag erhöhen. Im Bundestag selbst bemühen sich derzeit einzelne Abgeordnete aus allen Oppositionsparteien, wie etwa der Grüne Dr. Harald Terpe, einen Gruppenantrag zu organisieren, um die notwendigen Gesetzesänderungen trotz des konservativen Widerstands durch den Bundestag zu bringen. Unter den Gegnern der Abgabe von Diamorphin innerhalb der Unionsfraktion hebt sich besonders die CSU-Abgeordnete Maria Eichhorn als Hardlinerin hervor. Sie verweist in einer Erklärung lapidar darauf, daß nach dem Auslaufen des Modellprojekts den Heroinabhängigen auch weiterhin die Methadonbehandlung zur Verfügung stehe. Wobei Frau Eichhorn die positiven Ergebnisse der Studie aus rein ideologischen Gründen außen vor lässt. Sie forderte im November 2006 statt dessen, daß man “das Geld, das für die Heroinsubstitution vorgesehen war, für eine Verstärkung der Cannabisprävention” verwenden sollte, ”denn wir müssen alles tun, um die Menschen vor einem Suchtschicksal zu bewahren.” An Zynismus ist diese Aussage kaum noch zu überbieten, denn wir haben es mit einem erfolgreichen Projekt zu tun, daß dazu beiträgt schwerstabhängigen Menschen ein würdevolles und geregeltes Leben ohne Beschaffungskriminalität zu ermöglichen. Dazu wird eine ausreichende ärztliche Betreuung gewährleistet. Diese Menschen einfach so ihrem Schicksal zu überlassen, ist eine kaltherzige und von Ideologie geprägte, menschenfeindliche Entscheidung bar jeder Logik. Sie ist realitätsfern und widerspricht dem christlichen Menschenbild, dem die Unionsparteien sich angeblich so verpflichtet fühlen.

Wir reden hier nicht von der Möglichkeit Heroin aus dem Automaten zu ziehen, sondern es geht um die staatlich kontrollierte Abgabe an eine Gruppe von maximal 1500 schwerstabhängigen Menschen bundesweit, denn für die Teilnahme müssen enggefasste Bedingungen erfüllt werden. Es geht auch um die Zulassung von Diamorphin als Medikament und es erscheint mir mehr als unverständlich, wie es einer Handvoll halbwissender, fundamentalistischer Ideologen im Bundestag gelingen kann, gegen das Fachwissen der beteiligten Wissenschaftler, gegen die beteiligten Länder und Kommunen, gegen jede Vernunft, einen sinnvollen Lösungsansatz in der Drogenpolitik zu blockieren.

In Hamburg hat der ehemaliger Erste Bürgermeister Henning Voscherau einen flammenden Appell für die Fortsetzung des Heroinmodellprojekts verfasst und fragt anklagend: Wer Tote auf sein Gewissen lädt, indem er den rettenden, vielen helfenden Weg versperrt – verdient der nicht unser aller Unwerturteil? Auch in Frankfurt, München, Karlsruhe, Bonn, und Hannover regt sich Widerstand gegen die Einstellung. Ich hoffe, daß sich am Ende die Vernunft doch noch durchsetzen wird und die Paläo-Konservativen in der Union entweder ihren Widerstand aufgeben oder im Plenum niedergestimmt werden. Letzteres setzt eine Aufhebung des verfassungswidrigen Fraktionszwang durch mindestens eine der Regierungsparteien voraus. Bis Ende Februar wollen die Befürworter sondieren, ob ein Gruppenantrag überhaupt Aussichten auf Erfolg hat.

6 thoughts on “Konservative lassen Heroin Dealer jubeln

  1. Junkies haben eh keine Lobby und viele Politiker haben keine Ahnung von der Materie und dem Leiden der Heroinkranken. Die hören nur Heroin und gleich geht die Jalousie runter.

    Ich kenne selbst ein paar Opfer der Droge und Hepatitis C und andere Folgen sind nicht lustig und jetzt will man die Leute wieder dem Druck aussetzen, nicht zu wissen wo der Stoff herkommen soll. Folgen: mehr Kriminalität und Drogentote.

    Methadon ist ja wohl nicht so wirksamm wie das künstliche Heroin und der Hinweis auf die Cannabisprävention ist lächerlich. Da zeigt sich mal wieder, daß viele aus der Union keine Ahnung von Drogen haben. Die kennen sich nur mit Bier aus. Erinnert an den CSU Drogenbeautragten der auf die frage was den „turkey“ sei: „ein anbaugebiet für drogen“… Bei so viel Fachwissen braucht man sich nicht zu wundern wenn hinten so ein Mist heraus kommt.

  2. Der Staat als Dealer ist immer etwas problematisch. Mir wollen sie das Zigarren-Rauchen abgewöhnen und Junkies kriegens hinten rein gestopft?

  3. @Hamster:

    Wenn das die beste Lösung ist, um kranken Menschen zu helfen, dann sollte die staatlich kontrollierte Abgabe praktiziert werden. Wir reden hier von Suchtkranken und die Abgabe von Diamorphin bietet vielen Schwerstabhängigen doch erst die Möglichkeit eine Therapie zu beginnen. Ist es dir lieber, wenn Dealer sich ins Fäustchen lachen und von der Halsstarigkeit einiger Betonköpfe profitieren?

    Wenn Menschen leiden oder sogar sterben müssen, weil ein für alle sinnvolles Drogenprojekt am Widerstand Ewiggestriger Fundis scheitert? Es ist ja auch nicht so, daß gar keine Prävention betrieben wird, aber man muss sich auch um die Opfer kümmern.

  4. Man muss die Kollegen vom Stoff wegkriegen, das geht m.E. nicht mit Methadon. Die bleiben auf Droge und suchen den Kick (den Flash😉 und schmeissen nebenbei weiterhin alles mögliche ein.

    Methadon hat da so zu sagen die Funktion von Hartz IV.

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