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Campus Party Europe 2012: Ein Fazit oder so.

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Das Erste woran ich dachte, als ich von der Campus Party erfuhr, war eine Horde Studenten, die sich alkoholische Getränke bis zur Besinnungslosigkeit zu Gemüte führt. Doch weit gefehlt, denn in Bezug auf Alkohol war die Campus Party durch und durch eine puritanische Veranstaltung.

Campus Party Europe 2012

Campus Party Europe 2012

Ich bin einige Male gefragt worden, warum ich denn diese Veranstaltung besuchen würde. „Weil der Besuch für mich kostenlos ist.“ Dazu brauchte ich nur zehn Stationen mit dem Bus fahren, um zum Flughafen Tempelhof zu kommen. In der Tat habe ich niemanden getroffen, der für die Eintrittskarte Geld bezahlt hätte. Alleine bis zu 5.000 Personen aus Spanien wurde die Anreise mit dem Bus und der Eintritt spendiert. Dazu kommen etliche Gratistickets, die über Blogs oder Firmen unter die Jubelperser_innen geworfen wurden.

Angeblich lag die Zahl der Teilnehmer_innen bei 10.000, was sich in den Medien ja ausgezeichnet verkaufen lässt, wenn sich eine so große Anzahl dieser seltsamen Internetmenschen, oft Geeks oder Nerds genannt, an einem Ort versammeln. Dank des Hauptsponsors, eines spanischen Telekommunikationsunternehmens, welches unübersehbar auf dem Flughafen Tempelhof vertreten war, scheint die Campus Party 2012 in Berlin kaum abhängig von Einnahmen gewesen zu sein. Dazu kommen sicherlich noch einige Gelder von der Europäischen Kommission, sowie von Microsoft und Google, die mit eigenen Ständen auf der Campus Party in Berlin vertreten waren. Aus diesen Umständen speisen sich sicherlich viele Kommentare von Besuchern und Besucherinnen, dass es sich bei der Campus Party Europe um eine schnöde Marketingveranstaltung handeln würde und dieser Vorwurf lässt sich nicht ohne Weiteres von der Hand weisen.

Hanger Flughafen Tempelhof

Hanger Flughafen Tempelhof

Jedoch erachte ich es für zu einfach mit diesem Hinweis die ganze Veranstaltung zu verdammen, denn nur die Präsenz der Sponsoren und deren Geld, hat es eben ermöglicht, dass meist junge Menschen aus ganz Europa, aber nicht nur, zusammen kommen, um sich auszutauschen, kennenzulernen und möglicherweise gemeinsam Ideen zu entwickeln oder sich zumindest inspirieren zu lassen. In der Tat hätte ich mir etwas mehr Freiraum für eine Beteiligung der Besucher_innen gewünscht, auch wenn die abendlichen Barcamps eine gewisses Maß an freier Entfaltung ermöglichten.

Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche Kritikpunkte, die sich jedoch eher am organisatorischen Rahmen und teils auch an der Location selbst festmachen lassen. Das Alkoholverbot wurde vor allem in den Medien oft heftig kritisiert, aber auch von einigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen und nicht wenige sind vor die Tür gegangen, um dort eine Molle zu zischen oder haben sich, wenn sie nicht aus Berlin stammten, gleich in das feuchtfröhliche Nachtleben gestürzt. Auf so ziemlich jedem Barcamp oder auch auf der Re:publica gehört das Bier einfach dazu und Alkohol ist ja die gesellschaftlich am meisten akzeptierte Droge. Vielleicht hat der Verzicht auf Alkohol auch dazu beigetragen, dass die meisten der üblichen Verdächtigen aus der deutschen „Internetszene“ fehlten, womit sich diese Maßnahme schon gelohnt hat. Es macht halt wenig Spaß, wenn die Hälfte der Leute angetrunken rumläuft. Es scheint wohl auch so, dass deutsche Jounalisten bei solchen Veranstaltungen nicht gerne auf dem Trockenen sitzen, was einige der Reaktionen erklären könnte.

Hanger Flughafen Tempelhof-Campus Party Europe 2012

Hanger Flughafen Tempelhof-Campus Party Europe 2012

Die Akustik bei der Campus Party Europe 2012 war eines der großen Probleme. Durch die offene Halle entstand eine akustische Atmosphäre wie auf dem S-Bahnhof Friedrichstr. zu „besten“ „ddr“-Zeiten: Ein hallendes Durcheinander, das es oft nur sehr schwer möglich machte einer Session zu folgen. Verstärkt wurde das Problem durch Bühnen, die Rücken an Rücken aufgebaut wurden und auf denen zeitgleich Sessions stattfanden.

Bühnen bei der Campus Party Europe 2012

Bühnen bei der Campus Party Europe 2012

Die Website der Veranstalter vermittelt einen guten Eindruck davon, wie Seiten in den 90er Jahren gestaltet wurden. Warum heutzutage, gerade für diese „Geek“-Veranstaltung, eine solch gestalterisch schlechte und unübersichtliche Seite angeboten wird, ist mir rätselhaft. Das Programm war an keiner Stelle übersichtlich zusammenfasst und es gab keine gedruckte Form, was es erheblich erschwerte, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wer wo warum was zu erzählen hat. Jetzt könnte eingewendet werden: Durch intensives Studium und stundenlanges Klicken hätte sich jede_r einen ausreichenden Überblick verschaffen können, aber eine solche Einstellung ist wenig Nutzer_innenfreundlich. Erst am Ende des Mittwochs erkannte ich, wo die Namen der Bühnen zu erkennen war, was sicherlich nicht nur daran liegt, dass ich als „alter Mann“ schon einen Teil meiner Auffassungsgabe eingebüßt habe.

Als recht ungewöhnlich würde ich den Umstand bezeichnen, dass mensch für eine Teilnahme an der Campus Party Europe 2012 ein Foto hochladen, die eigene Addresse angeben und sich am Eingang ausweisen musste, um die Karte, welche mit Barcode und Foto versehen war, entgegen zu nehmen, die einem den Eintritt ermöglichte. Beim Reingehen und beim Rausgehen wurde die Karte dann gescannt. Da Laptops, Netbooks etc. vorher online angemeldet werden mussten, am Eingang registriert, mit einem eigenen Barcode versehen wurden, der auch beim Verlassen des Geländes gescannt wurde, habe ich bewusst auf die Mitnahme verzichtet. Mein smart phone hat jedenfalls ausgereicht, aber ich hatte es auch nicht so weit nach Hause. Was am Ende mit all den Daten der Besucher_innen geschieht, die gewonnen wurden, ist m.E. vollkommen unklar. Die Geschenke, die der Hauptsponsor an jeden Besucher, an jede Besucherin verteilte, sind, einmal vom Handtuch abgesehen, nicht unbedingt der letzte Schrei. Der negative Höhepunkt stellten die extrem nach Weichmacher riechenden Flip Flops dar, die eher auf die Sondermülldeponie gehören als an menschliche oder überhaupt irgendwelche Füße.

Obwohl ich das campen nicht ausdrücklich gebucht hatte, erfuhr ich am letzten Tag via Twitter, dass die Zelte verschenkt wurden und da ich ja Geschenken gegenüber nicht abgeneigt bin und zufällig eine neues Zelt benötige, konnte ich dank zweier überaus netten Mitarbeiterinnen des Hauptsponsor, die an der Helpdesk und dem Merchandise-Container ihren Dienst versahen, ein nigelnagelneues Zelt abstauben, was mir jedoch den haltlosen und vorurteilsbehafteten Vorwurf einbrachte, ich hätte mich kaufen lassen. Also ich habe sehr darüber gelacht.

Zelte: Campus Party Europe 2012

Zelte: Campus Party Europe 2012

Ungeachtet aller Kritik an der Campus Party Europe möchte ich stellvertretend eine Session und eine neuartige Juke-Box postiv hervorheben. Der sehr sympathische Daniel Jones und sein witziger Kollege Peter Gregson stellten das Projekt „The Listening Machine“ vor. Sie werteten 500.000 Tweets aus Großbritannien aus, wandelten kurzgesagt die Stimmung der Tweets in Musiknoten um und erhielten so Musikstücke, die teilweise sogar mit echten Musikern eingespielt wurden. Was mich besonders erfreut hat, ist der Umstand, dass bei dem Projekt open source software verwendet wurde und alle Musikstücke bald als midi-Datei frei verfügbar sind.

The Listening Machine-Campus Party Europe 2012

The Listening Machine. Links: Daniel Jones. Rechts: Peter Gregson

Ein weiteres Projekt, das sich auf Twitter bezieht, stach mir besonders ins Auge. Die „tweet-to-request Campus Party Europe jukebox“ hat mich begeistert, aber leider wurde sie schon recht früh am Samstag abgebaut. Aus 168 Songs konnte per Tweet an @CPEuropeDJ mit dem passenden Hashtag und der Songnummer ein Lied ausgewählt werden. Die Maschine selbst wurde teils aus alten analogen oder gefundenen Bauteilen hergestellt und überzeugt nicht nur durch ihre Funktionalität und Originalität, sondern auch durch ihr hervoragendes Design.

Twitter Juke Box-Campus Party Europe 2012

Twitter Juke Box-Campus Party Europe 2012

Diese Schönheit hätte ich gerne bei mir stehen:

Twitter Juke Box-Campus Party Europe 2012

Twitter Juke Box-Campus Party Europe 2012

Alles in allem bereue ich es in keinem Fall, dass ich die Campus Party Europe 2012 besuchte. Zugegeben: Ich hatte keinerlei Erwartungen und konnte so kaum enttäuscht werden. Dafür habe ich trotz einiger negativer Umstände viel positives von dieser Veranstaltung mitgenommen und wäre durchaus erfreut, wenn die Campus Party im nächsten Jahr wieder in Berlin zu Gast sein sollte. Dieser Artikel bietet nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Campus Party und es gab noch viele andere gute und interessante Sessions, sowie Attraktionen wie diverse Robotniks und dergleichen, die hier leider keine Erwähnung finden konnten.

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