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Meine Totalverweigerung

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Als ich in den 80er Jahren zur Schule ging, haben wir jene Jungs, die mit ihren Eltern nach Westdeutschland zogen leicht höhnisch verabschiedet, denn ihnen war die Einberufung zur Bundeswehr sicher, während wir im „sicheren“ West-Berlin“ blieben. Der Viermächtsstatus der Stadt hielt die Bundeswehr fern und zog regelmäßig junge Männer aus Westdeutschland an, die keine Lust auf Kriegsdienst mit oder ohne Waffe hatten. 1990 brachte dann einige schwerwiegende Veränderungen. Nicht nur gesellschaftlich, sondern vor allem auch persönlich. Ich war fast 16 und erlebte 1990 mit der „Halt’s Maul Deutschland. Es reicht„-Demo nicht nur meinen Einstieg oder wie meine Eltern es wohl betrachten, mein Absacken in die Szene der anarchistischen Bombenbauer_innen und Müßiggänger_innen, sondern ich war auch gezwungen mich mit dem Thema Bundeswehr und Zwangsdienst zu befassen.

Kriegsdienst mit der Waffe kam für mich auf keinen Fall in Frage, aber ich muss gestehen, dass ich durchaus noch naiv genug war, um den Kriegsdienst ohne Waffe für mich als eine legitime Handlungsmöglichkeit zu erachten. Die Ereignisse der folgenden Monate und Jahre, wie die Schlacht um die Mainzerstr, das enorme Anschwellen der Neonazipest, das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen, die Morde von Mölln und Solingen, um nur einige der Nachwirkungen der Wiedervereinigung zu nennen und auch die Anti-Olympiakampagne, sowie der tägliche persönliche Kampf mit den bestehenden Verhältnissen festigten meine Feindschaft gegenüber Deutschland und seinen Institutionen. Fast hätte ich über die Jahre vergessen, dass die Bundeswehr mich doch irgendwann zu ihren vermoderten Fahnen rufen könnte. Am 31. Dezember 1994 war es dann soweit: Ich hatte meine Musterungsaufforderung im Briefkasten. Ausgerechnet an Sylvester. Ich stellte mir vor, wie ein diabolischer Mitarbeiter des Kreiswehrersatzamtes sich an diesem Tag die Hände rieb, weil er einem Staatsfeind den Beginn des neuen Jahres ordentlich verhagelt hatte. Ja, ich war wütend, 20 Jahre alt und durchaus etwas naiv. Meine Genossinnen und Genossen sprachen mir Mut zu und sicherten mir ihre vollumfängliche Solidarität zu, inklusive Befreiungsaktion aus dem Bundeswehrbunker, falls ich mich zur Totalverweigerung, in welcher Form auch immer entschliessen würde. Mir war voll bewusst, dass ich mich auf sie bedingungslos verlassen konnte und ihr Zuspruch gab mir durchaus Kraft und Hoffnung, doch mir gingen nun viele Dinge durch den Kopf. Was tun? Was nur tun?

Um Zeit zu gewinnen, missachtete ich den im Schreiben genannten Termin zur Musterung und ging einfach nicht hin, denn ich hatte erfahren, dass ein solches Verhalten in der Regel folgenlos blieb. Ein Genosse empfahl mir dann eine KDV-Beratungsstelle aufzusuchen, die sich hauptsächlich auf Totalverweigerungen spezialisiert hatte. In netter Atmosphäre und bei heissen Getränken besprachen wir nicht nur den neuesten Szeneklatsch, sondern ebenfalls alle Möglichkeiten und Folgen einer Totalverweigerung. Entweder sich zur Musterung abholen zu lassen, sich da zu weigern, nach Augenschein gemustert zu werden, was in solchen Fällen meist T1 bedeutete, also die beste, für die Bundeswehr beste Tauglichkeitsstufe zu erhalten und im Nachgang der folgenden Einberufung nicht Folge zu leisten, was erst einige Tage oder Wochen im Bundeswehrbunker bedeutet hätte und folgend eine Anklage vor einem zivilen Strafgericht, welche meist mit einer Bewährungsstrafe endeten oder zur Musterung zu gehen, hoffen ausgemustert zu werden und am Ende halbwegs sauber aus der Kriegsdienstnummer heraus zu kommen. Im schlechtesten Fall wäre ich tauglich gewesen und hätte dann den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern können. Den Kriegsdienst ohne Waffe nicht anzutreten, könnte in nicht wenigen Fällen, besonders wenn es einen politischen Hintergrund gibt, erst einmal U-Haft bedeuten. Keine besonders rosigen Aussichten, dachte ich mir, aber ich war durchaus bereit den Preis zu bezahlen, denn nur Opportunisten müssen nichts befürchten. Während wir da so saßen und redeten, betrachte ich die Wände. Dort hingen Dutzende von Ladungen zu Prozeßen. Ja, diese Genossen verstanden ihr Handwerk und besaßen eine enorme Erfahrung. Für sie war es Routine und der Ablauf schien ihnen so sicher, wie der Aufgang der Morgensonne.

In diesem Moment hatte ich einer Art Eingabe. Gibt es denn keinen anderen Weg? Stellt sich ein Hindernis in den Weg, dann läuft mensch entweder dagegen, holt sich eine blutige Nase oder springt brav drüber hinweg, aber ich wollte versuchen, ob es möglich sei einfach frech drumherum zu laufen. Ich studierte das Wehrpflichtgesetz rauf und runter, um eine für mich taugliche Lücke zu finden. War es für mich als Utopist nicht eine Pflicht mir selbst gegenüber das angeblich Unmögliche zu versuchen? Ja! So entschied ich mich für einen geradezu wahnwitzigen Plan, der mir eine straffreie Totalverweigerung ermöglichen sollte und den sogar meine engsten Genossinnen und Genossen für undurchführbar hielten. Einige hielten mich durchaus zu Recht für durchgeknallt. Doch ich hatte zuvor den Aufruf zum Sozialismus von Gustav Landauer gelesen:

Wahrlich, es stünde besser um den Sozialismus und unser Volk, wenn wir statt der systematischen Dummheit, die ihr eure Wissenschaft nennt, die feuerköpfigen Dummheiten der Hitzigen und Brausenden und Überschäumenden hätten, die ihr nicht ausstehen könnt. Jawohl, wir wollen machen, was ihr Experimente nennt, wir wollen versuchen, wir wollen aus dem Herzen heraus schaffen und tun, und wir wollen denn, wenn’s sein muß, so lange Schiffbruch leiden und Niederlagen auf uns nehmen, bis wir den Sieg haben und Land sehen.

Ja, ich hatte eine feuerköpfige Dummheit vor, ich wollte versuchen und Schiffbruch leiden, wenn es denn sein muss. Ein Scheitern erschien mehr als wahrscheinlich, aber nachdem ich dieser Idee erst einmal erlaubt hatte, das Licht der Welt zu erblicken, war kein Halten mehr. Ich stellt einen persönlichen 5 Jahres Plan auf, denn ich hatte entdeckt, dass Menschen, die das 25 Lebensjahr erreicht hatten und bis dahin nicht gemustert waren, nicht mehr zum Kriegsdienst mit oder ohne Waffe zwangsverpflichtet werden konnte. „Wie willst du das 5 Jahre durchhalten? Das ist doch Wahnsinn!“ Aber dieser Wahnsinn hatte Methode. Es dauert ganze 6 Monate bis ich wieder vom Kreiswehrersatzamt Post erhielt. Ein neuer Termin zur Musterung. Gut, dachte ich mir: Euch werde ich es zeigen und da ich 1995 durchweg in sehr dadaistischer Stimmung war, schrieb ich einen Widerspruch an das KWEA, der Kafka in Verzückung versetzt hätte und der vor sinnloser Widersprüchlichkeit nur so tropfte, aber ich setzte darauf, dass in Deutschland die Behörden eben jeden Scheiss genau prüfen. So verstrich der Termin zur Musterung und in der Tat hatte ich im KWEA wohl neue Brieffreunde gewonnen. Es dauerte einige Wochen und mein Widerspruch wurde wie erwartet abgelehnt, denn ich hätte eventuelle Gründe für eine Zurückstellung vom Wehrdienst in der Musterung vorzutragen. „Netter Versuch“, dachte ich mir, „aber so einfach bekommt ihr mich nicht. Ich bin doch nicht blöd!“

Wenige Tage danach, erhielt ich eine weitere Aufforderung zur Musterung zu erscheinen, mit dem per Textmarker deutlich markiertem Hinweis, dass ich durch die Polizei zwangsvorgeführt werden könnte. Ich dachte mir, was das erste Mal funktioniert hat, wird auch das zweite Mal ähnlich erfolgreich sein. So setze ich mich hin und fasste auf drei Seiten zusammen, warum ich nun auf keinen Fall zur Musterung erscheinen könnte und zitierte munter dieses oder jenes Gesetz und das Grunzgesetz sowieso. Mit geradezu diebischer Freude warf ich den Brief in den Kasten und stellte mir vor, wie ein_e Sachbearbeiter_in dieses spätdadaistische Meisterwerk zitternd in den Händen hielt. Meine Phantasie ist eben so wie eine Wiese im Frühling. Sehr blühend und bunt. Selbstverständlich wurde auch dieser Widerspruch rundweg abgelehnt, aber der Musterungstermin war erfolgreich verstrichen und das erste Jahr näherte sich langsam dem Ende. Meine aufkommenden Triumpfgefühle wurden jäh auf den Boden der Tatsachen zurückkatapultiert, als ich im Oktober eine sogenannte Dauerladung im Briefkasten vorfand. Sie umfasste einen Zeitraum von sechs Wochen. Da war mit einem kunstvoll ziselierten Brief im Geiste des Dadaismus nichts mehr zuholen. Der Dauerladung entnahm ich die Möglichkeit, dass ich aus medizinischen Gründen unter Einreichung einer Transportunfähigkeitsbescheinigung von der Pflicht zum Erscheinen befreit wäre. An dieser Stelle kam mein verdammt cooler Hausarzt ins Spiel, dessen Name ich hier nicht nennen werde, auch wenn er heute wohl nichts mehr zu befürchten hat. Er ist Exil-Iraner und floh schon zu Zeiten des Schahs nach Deutschland und mit ihm redete ich ganz offen über das Thema Bundeswehr und er zeigte sogar noch mehr Verständnis für meine Lage als ich erwartet hatte. So bekam ich ich diese verfluchte Transportunfähigkeitsbescheinigung und hatte mit Glück, aber vor allem dank der tatkräftigen Solidarität meines Arztes das KWEA ein weiteres Mal ins Leere laufen lassen.

Danach war erst einmal Funkstille und das KWEA schien mich vergessen zu haben. Doch die Unsicherheit blieb und im Frühjahr 1996 hatte ich dann Besuch von der Polizei, aber anders als ich es stets erwartet hatte. Der allseits unbeliebte Kontaktbereichsbeamte L. stattete mir einen Besuch ab, aber nicht um mich abzuholen, wie ich zuerst befürchtete. Das KWEA hätte ihn geschickt, um festzustellen, ob ich da, wo ich gemeldet war, noch wohnen würde. Er wollte noch nicht einmal meinen Ausweis sehen, was mich durchaus verwunderte. Er meinte, ich sollte mich doch ganz dringend beim KWEA melden. „Sonst kommen die Feldjäger Sie holen!“ Ich musste lauthals lachen und der KOB dachte wohl, ich wäre total irre, weil seine (leere) Drohung nicht den erwarteten Erfolg zeigte. „Für mich sind die Feldjäger gar nicht zuständig, denn ich wurde noch nicht gemustert.“ So zog der KOB wieder ab und ich wusste jetzt, dass mich das KWEA keineswegs vergessen hatte und ich immer noch auf deren Radar erfasst war. So beschloss ich, dass ich fortan das Radar des KWEA möglichst unterfliege. Ich meldete mich bei H. an, wohnte aber ganz woanders, was mir im Fall der Fälle durchaus genügend Vorwarnzeit gegeben hätte, da die Cops zuerst bei H. aufgelaufen wären. Was blieb, war eine ständige Unsicherheit, denn das KWEA wollte sich einfach nicht mehr melden. Hatten die etwa die Lust an mir verloren? War ich durch das System gefallen und vergessen worden? Hatte das KWEA mich zur Vorführung durch die Polizei ausgeschrieben? Ich verspürte wenig Lust dort nachzufragen, denn schlafende Hunde zu wecken, wollte ich nun gerade nicht.

Die Jahre gingen ins Land und je näher mein 25. Geburtstag rückte, desto angespannter wurde ich und ich ging mit dem Thema ausserhalb meiner Zusammenhänge und Strukturen nicht gerade hausieren, um keine missgelaunten Zeitgenossen auf denunziatorische Ideen zu bringen. Im Sommer 1999 fuhr mir ein unachtsamer Autofahrer im stop an go Verkehr hinten rauf und dieser Unglücksmensch bestand darauf, aus versicherungstechnischen Gründen, die Cops zu rufen. Ich war ja sowas von begeistert von dieser Idee und in den 45 Minuten, die wir warten mussten, waren sicherlich mit die längsten in meinem Leben. Was ging mir alles durch den Kopf. Auf der Zielgraden, weniger als 6 Monate vor dem Ziel, sollte ich scheitern? Ich versuchte ganz kewl zu bleiben, was mir mehr oder weniger gelang, denn für die Cops war es ein Routineunfall ohne Personenschäden, für den ich nicht verantwortlich war. Damals gehörte eine regelmäßige Überprüfung noch nicht zum Standard und ich machte mir umsonst Sorgen, aber genau diese Unsicherheit war das Übelste an der ganzen Sache. Hatten sie mich nun ganz vergessen, weil sie keinen Querulanten wollten oder wollten sie mich immer noch in eine Uniform stecken?

Diese Unsicherheit endete im Dezember 1999 mit meinem 25. Geburtstag. Ich konnte es kaum glauben: Hatte ich wirklich die Bundeswehr und ihren langen Arm, das Kreiswehrersatzamt ausgetrickst und war straffrei davon gekommen? Ich hatte keine Chance, aber ich habe sie genutzt. Es existiert nun einmal kein allgemeingültiger Weg und jede_r sollte für sich einen eigenen Pfad durch den Dschungel des Lebens schlagen und nicht unbedingt den ausgetretenen Pfaden folgen. Am Ende war es für mich wichtig, dass ich keinen Kriegsdienst, ob mit oder ohne Waffe mitgemacht habe. Die Straffreiheit war dazu nur die Sahnehaube oben drauf und meinen angehäuften Solidaritätsfonds verwendeten wir nur zu einem kleinen Teil für meine spätrömische Geburtstagsparty und liessen ihn diversen Kriegsdienstverweigerungskampagnen zukommen.

Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal das (vorläufige) Ende der Zwangsdienste erleben würde und noch weniger hätte ich geglaubt, dass die CDU diesen Schritt machen würde, aber wie lautet ein altes vulkanisches Sprichwort: „Nur Nixon konnte nach China gehen.“

4 thoughts on “Meine Totalverweigerung

  1. Ich musste weder Zivil- noch Wehrdienst leisten; Zur Zeit meiner Musterung steckte ich in einer Berufsausbildung; Beim KWEA gab ich an, dass mir die BW den Arbeitsplatz versauen könnte. Außerdem reichte mein Vorgesetzter wohl Rückstellungsanträge ein. So habe ich jedenfalls nie wieder etwas von denen gehört. Meine Story ist also etwas kürzer und weniger „aufregend“.

  2. Aber nicht weniger erfolgreich.🙂 Wann war denn das?

  3. Zur selben Zeit – ich bin auch Westberliner – sollte ich auch zur Musterung und danach eingezogen werden, doch mein Glück war, dass ich sie erfolgreich verwirren konnte.

    Zuerst habe ich auch die Musterung verweigert. 3 oder 4 Termine habe ich verstreichen lassen. Dann wurde ich von den Bullen abgeholt. Morgens um 5:00 h… Na, das war ein Spaß… Danach haben die mich 10 Stunden in der Rollbergstr. sitzen lassen. Dann von Wachbullen zum KWEA nach Oberschweineöde verfrachtet. Dort habe ich mich dann eine Stunde von dem dortigen Obermacker vollquatschen lassen. Ich habe dabei seine Kampfflugzeugmodelle bewundert und begutachtet, und er musste seinen patriarchalen Redeschwall immer wieder unterbrechen, um mir zu sagen, dass ich seine wertollen Stücke nicht anfassen solle. Dann auf augenschein T2 gemustert.

    Danach begann mein kleines Verwirrspiel. Nicht kompliziert aber wirksam gewesen. Ich habe ordentlich und begründet verweigert. Danach habe ich einen Bescheid darüber bekommen, dass meine Verweigerung akzeptiert wird. Und jetzt kommt’s: Gegen diesen Bescheid, dass ich Kriegsdienstverweigerer bin habe ich Widerspruch eingelegt. Hihi… Danach habe ich nie wieder etwas von denen gehöhrt. Die müssen mich für verrückt gehalten haben und/oder der zuständige Sachbearbeiter hatte kein Bock auf so einen Vollidioten, wie mich.

  4. eine interessante Art der Totalverweigerung… hätte nicht gedacht, dass das klappt. Ich habe, fehlgeleiteter Idealist der ich war, und eingelullt von der Ideologie der neuen humanistischen Armee nicht etwa anderthalb Jahre vor dem Abitur als Offizier verpflichtet, und dann nach knapp drei Monaten verweigert… einige Zeit danach schrieb ich einen Text, der bewusst von allen theoretischen Überlegungen zur Bundeswehr frei blieb, in der Hoffnung den ein oder anderen anderen Träumer von der Verpflichtung abzuhalten… ich erlaube mir mal, den im folgenden hier hereinzustellen:

    Ich wollte zur Armee. Soldat werden. Heute sagt man: Ich bewerbe mich für den höheren Dienst in der Bundeswehr, ich werde Offizier. Oder umschreibt den Begriff des Soldaten, irgendwie so vielleicht: Ich möchte als Führungskraft im militärischen Staatsdienst etwas leisten, und gleichzeitig meinem Anspruch, pädagogisch auf Menschen einzuwirken, gerecht werden. Ein Werber der Streitkräfte umschrieb den Offizier gar als „Lehrer und Freund“ des Untergebenen.

    KWEA Mainz, Sommer `0x, Musterung und Einzelgespräch mit dem Wehrdienstberater. Ich möchte Offizier werden. Die Verdienstmöglichkeiten sind gut, die Lage in meiner Familie nicht so rosig, zu Hause möchte ich raus. Ein sicherer Job; und das Studium lockt. Meine Bildung ist mir wichtig, meine geistige Freiheit möchte ich bewahren. Der Berater: „Na hören sie mal, wir sind doch keine Armee wie in Bismarcks Zeiten. Abgeflachte Hierarchien, das Zauberwort! Da menschelt es, in der Uniform.“ Der Tonfall? „Ach, wie in gewöhnlichen Betrieben“.

    An einem kalten Septembermorgen geht es nach Köln. Herbstferien, Zeit was für die Zukunft zu tun. Mudra-Kaserne. Abends gemütlicher Plausch mit Offizieren, im 6. Jahr. Immer zu Scherzen aufgelegt, erzählen vom abwechslungsreichen Nachtleben rund um die Kasernen, die Welt haben sie gesehen. Von Hamburg bis Bayern. Ständig gefordert, wenig sei so abwechslungsreich wie das Offiziersleben.

    Am nächsten Morgen um 5 aufstehen, ein 3-tägiger Testmarathon steht bevor. Perfide: zu schwache Kandidaten werden gleich ausselektiert. Ich freunde mich schnell an, macht den Druck ertragbar. Komme ich abends auf die Stube zurück, und ein weiteres Bett bleibt leer, schlägt mein Herz vor Freude höher.

    Prüft man uns nicht, schmiert man uns Honig um den Bart. Von großer menschlicher Verantwortung ist die Rede, von Fingerspitzengefühl, gerade wenn es Untergebenen mal nicht gut gehe: „Wenn einer über Trennungsschmerz nicht wegkommt, reden sie mit dem. Wenn nötig den ganzen Tag.“ Das gefällt, war schon immer ein guter Zuhörer. Und: Abgeflachte Hierarchien, wenig Kontrolle. Es gilt das Wort dessen, der sich im Thema am bewandertsten zeigt. Eigenständige Problemlösung erwünscht. Der reinste Kommunismus. Nur während der langen Wartezeiten fühlen wir uns immer beobachtet.

    Samstag Morgen: Habe bestanden. Dem Offizier und dem Psychologen erzählte ich, ich erachtete eine Tötung im Soldatendasein als Form der Selbstverteidigung für gerechtfertigt, und sähe es als unsinnig an, wenn es denn einmal „hart auf hart käme“, in meinem Kämmerchen zu hocken, während andere das blutige Handwerk verrichten. Mein Einfluss hier würde vielleicht Entgleisungen verhindern. Auch glaube ich immer noch, dass bei der Armee einiges im Argen liegt. Vielleicht könnte mit mein eigener Führungsstil etwas ändern.

    Zum Einstellungsgespräch begrüßt man mich: „Tolles Ergebnis! Sie wollen bestimmt einmal General werden.“ Mittlerweile bin ich mir sicher, dass das jeder zu hören bekommt, der die letzte Hürde nimmt.

    Sommer 0x: Nach dem Abitur habe ich schon ein wenig Schiss, aber ich freue mich auf die Perspektive: Grundausbildung im malerischen Mayen, Menschen kennen lernen, Erfahrung Sammeln. Mit der offenherzigen Bundeswehr in Kontakt treten, wo man freundlich miteinander umgeht, frei und demokratisch erzogen wird, bald auch erziehen darf. Abgeflachte Hierarchien, die Gedanken sind frei. Selbstverwirklichung.

    Und so sieht dann mein Erstkontakt aus: Hinsetzen! Ich bin Stuffz. Hauptmann. Jemand lacht. Maulhalten, ich bin ein stolzes Mitglied des Unteroffizierskorps. Den Spaß werden wir ihnen noch austreiben! Wir kriegen verschiedenstes loses Blattwerk ausgehändigt: Dienstantrittserklärung, Angabe der Bankverbindung und noch das ein oder andere sonst. Einfach unterschreiben. Will es erst durchlesen. Tempo! Lesen können sie zu Hause. Sie stören den Ablauf. Ähnlich freundlich weist man uns die Zimmer zu. Dann wird „Antreten“ geübt. Bis tief in die Nacht. Rein aus dem Haus, raus aus dem Haus. In 3 reihen aufstellen. Schneller! 1Uhr nachts, es regnet. Leutnannt Grass ruft zackig: „In den Dienstschluss Weggetreten.“ Wir entgegnen „Oh wie schade!“ Nach dem vierten Mal ist es laut genug. Als wir endlich auf den Stuben sind, können einige die Tränen nicht zurückhalten.

    Die nächste Woche immer wieder antreten, dazu Dienstgrade auswendig lernen. Außerdem werden wir über unsere Rechte aufgeklärt: So dürfen Räte gebildet werden, nach Dienstgraden streng getrennt. Offiziersräte, Unteroffiziersräte, Mannschaftsräte. Dass diese voneinander in hierarchischer Ordnung abhängig sind, scheint nicht zu stören. Beginn der demokratischen Erziehung. Wir bilden übrigens keinen Rat. In der Grundausbildung verwährt. Es bleibt das Beschwerderecht. Individuell muss die Beschwerde sein, eine Nacht darüber zu schlafen ist Pflicht. Gültig nur mit Unterschrift. Massenbeschwerden nicht zulässig, das Petitionsrecht nach Paragraph 17GG ist hiermit eingeschränkt. (vgl Soldatengesetz). In der Praxis läuft es eher so: Feldwebel Matze, ein Bär von einem Mann, schießt mehrfach in die Luft. Wir stehen daneben, überrascht, ohne Ohrenschützer. Vom Mündungsfeuerdämpfer ca. 3 Meter entfernt. Wenn der in die Luft geht, zerfetzt er in 10 Metern Umkreis. Einige wagen zu protestieren: „Dann schreiben sie mal schön ne Beschwerde. Jeder für sich. Und beten sie, dass sie mich danach nicht wieder sehen.“ Niemand beschwert sich…

    Die Geistigen Anforderungen beschränken sich derweil auf das Auswendiglernen von Waffenteilen, Schussdistanzen, Namen von Vorgesetzten. Jede Woche ein Test, gar nicht so einfach wenn der Schlaf fehlt, manchmal schieben wir Dienst bis um 1h, sonst hat sich die Dienstzeit so von morgens um 5 bis ca. 18 – 22h (schwankend) eingependelt. Ich stehe um 4.30h auf, mein starker Bartwuchs hat mir schon den einen oder andern Anschiss eingebracht. Überhaupt ist Müdigkeit Trumpf, die stärkste Waffe der Ausbilder. Ein Bekannter aus einer anderen Kaserne verrät im Vertrauen: „Sie hält Kritik klein, zwingt zu eingleisigem Denken, schult den Geist in militärische Bahnen“. Lange Perioden des stillstehenden Nichtstuns sind A und O: Man führt Befehle bald aus, ohne lang drüber nach zu denken, verspricht das doch zumindest Abwechselung. Derweil steht meine Entscheidung, den Dienst zu quittieren fest. Mein Hirn verreckt, ich fühle mich in Ketten gelegt. Einige Kameraden sehen das ähnlich, aber man möchte abwarten bis nach der AGA

    Für Abwechselung sorgt meistens der Leutnant: Zur Lehrstunde über Verhalten bei Bombenangriffen wirft er einen Chinaböller in den gefüllten Unterrichtsraum, über unrechtmäßige Befehle klärt er kreativ auf: Funker Simon! Köpfen sie Funker Benjamin. Dazu überreicht er eine Axt. Zum besseren Verständnis: Es ist verboten, Befehle zu geben, die zu Straftaten aufrufen. Folgsamkeit ist im Falle von Rechtsunsicherheit beim Untergebenen erlaubt, einfacher als zu verweigern. Befehle die nur zu „Vergehen“ führen (z.B. Verkehrsdelikte) müssen befolgt werden. Nachträglich ist Beschwerde möglich. (siehe Beschwerdeordnung;-))

    Ende Juli: Geländetag. Ich bin Mittlerweile KDV in der Anerkennungsphase, fasse kein Gewehr mehr an. Daher laufe ich mit einem Stock durch den Wald, habe bei den Kriegsspielchen fast Spaß. Wir marschieren gerade durchs Unterholz, da reißt ein Soldat sein Gewehr hoch: „Frau Fahnenjunker! Feindlicher Soldat voraus“ Es ist Funker Kohl, der verletzt im Lager zurückblieb. Aber die Action hat doch allen gut getan. Die meisten Querulanten der ersten Wochen haben sich in ihr Schicksal ergeben. Einige hoffen, dass später sich die Gedanken um mehr als nur Waffenstückwerk drehen. „Dann erlernen wir Taktiken. Antike bis Neuzeit.“ Andere brauchen das Geld. Die Meisten aber denken: „Feindlicher Soldat voraus“, und werfen sich mit kindlicher Freude in den Schlamm. Auf dem Rückweg singen wir das „Wildgänselied“, unser Kompaniegesang: „Wir sind wie ihr ein graues Heer / und fahr´n in Kaisers Namen / fahr´n wir ohne Widerkehr / singt uns im Herbst ein Amen“. In meinem Kopf klingt der Wehrdienstberater nach: „Wir sind doch keine Armee aus Bismarcks Zeiten“.

    „Wir haben kein Feindbild, aber unsere Kanonen richten sich gen Osten“. In vielen Soldaten scheint der alte Witz noch präsent. In wie weit er EU-politischer Wahrheit entspricht, darüber möchte ich gar nicht nachdenken. Die Ausbildung wurde derweil maßgeblich modernisiert. Der 2. Geländetag widmet sich Friedensmissionen. Wir lernen in 4 Aggressionsstufen, Demonstranten abzuschrecken und niederzuringen. Schlimmstenfalls könne man auch mal auf Kniehöhe „Mit dem G36 durch die Menge ziehen. Feuerstoß“. Das mag der Dienstvorschrift widersprechen, aber wie wir bereits während der Rekrutierung gelernt haben, wird von Soldaten auch manchmal Eigeninitiative erwartet. Für den Dschungelkampf gibt´s auch noch nen nützlichen Tipp: „Natodraht nicht exzessiv nutzen. Ein Strang auf Halshöhe. Reicht. Ha ha“.

    Seit ich bewusst verweigere, beobachte ich genauer. Viele scheinen unglücklich. Fahnenjunker Bauernlehrling verschlief zweimal den Dienstbeginn. Betrunken. Auf der Stube fragen wir, ob er noch mal zum Bund ginge, stünde er vor der Wahl. Es starrt ins Lehre. Nach längerer Pause die Antwort. „Natürlich“. Bei meiner Entlassung wird er hinzufügen: „Was soll ich sonst machen?“. Die Stubenkameraden beginnen mit Näherrücken meines Abschiedes wieder zu zweifeln. Einer soll rausgeworfen werden: Loch in der Lunge, kommt den Staat zu teuer. Der andere ständig mit Rückenproblemen, muss seinen Wehrdienst erfüllen. Wir sind die Letzten. Stuffz Beinhart war nach 3 Wochen beim Psychologen, kommt gar nicht mehr. Für die meisten Soldaten ist das Gehalt ein Ansporn. Fahnenjunker Schwerthut fragen wir, was sie mit ihrem Geld macht. Haben wir irgendwann Freizeit? Werden wir das Leben genießen? „Ihr werdet reich. Habe mir den Urlaub der letzten 2 Jahre aufgespart. Das meiste werde ich mir auszahlen lassen.“ Hobbys? „Das hier ist mein Hobby“. Aber Schwerthut gerät auch angesichts des Stotterns des M16 regelmäßig ins Schwärmen.
    Offiziersschule und Lehrgänge, ist mittlerweile klar, würden auch kein Zuckerschlecken werden: Wir werden uns mit Kampftaktiken auseinandersetzen, mit Militärpädagogik, mit „Menschenführung“. Wer wäre ich wohl, würde ich die 12 Jahre durchziehen? Als der Leutnant uns anfangs einmal aufmuntern wollte, sagte er: „Als ich in eurer Situation war hat es mich aufrecht gehalten, bald selbst befehlen zu dürfen“.

    Ich überprüfe meine Perspektiven. In der „Freien Wirtschaft“, so hatte man uns geködert, werden Zeitsoldaten Bevorzugt übernommen. Personalmanagement, Führungskräfte. Wenn diese Art der Menschenführung gefragt ist, wirft das kein sehr humanes Bild auf die „Freie Wirtschaft“.

    Bald geht aber alles ganz schnell. Ich werde anerkannt. Ausgekleidet. Eine Woche renne ich ohne Uniform in der Kaserne herum, da ich noch keine Zivildienstselle habe. Ein Fauxpas. Muss die Armee mich halt nackt entlassen. Ein paar mal muss ich noch die Toiletten putzen. Fähnrich Schlucht hätte mich wohl gerne länger dabehalten. Ansonsten sind die Vorgesetzten jetzt freundlich, viele reden gerne mit mir, fragen nach meinen Plänen. Ich träume, erzähle vom Wandern, von Schottland, kaum vom Studieren. Das ist jetzt weit weg. Fahnenjunker Bauernlehrling bekommt feuchte Augen. Vorher muss ich natürlich noch die Restzeit abdienen, ganz entlässt man mich nicht aus der Umklammerung. Ich gehe ins Kloster, die einzige ZD-Stelle, die ich auf die Schnelle bekommen konnte. Dort fühle ich mich frei. Frei zum ersten Mal in meinem Leben? Ich war doch nur zwei Monate lang Soldat? Der Kontrast aber wirkt Wunder. Niemand schreibt vor was ich denke, innerhalb der Regeln normaler Höflichkeit kommuniziert man ungezwungen. Und in knapp 7 Monaten habe ich meine Zukunft wieder in der Hand.

    Zum Abschied hat mir Oberleutnant Matthes noch etwas anvertraut: „Schämen sie sich nicht, es ist nicht jeder zum Soldat geeignet“. Ich schäme mich nicht. Eignete sich niemand zum Soldaten, ich könnte zufriedener nicht sein.

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