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Die Schulpflicht und die Piraten: Eine Nachhilfestunde

12 Kommentare

Die Piraten in Berlin haben auf ihren Landesparteitag den Antrag zur Abschaffung der Schulpflicht angenommen. Wie schon bei der Idee des “fahrscheinlosen ÖPNV” bleiben die konkreten Maßnahmen und Kosten völlig außen vor. Eine Abschaffung der Schulpflicht innerhalb der bestehenden Verhältnissen ist voraufklärerisch, nutzt vor allem religiösen Fanatiker_innen und führt zur Bildung einer neuen Elite. Vielleicht ist der Beschluss nur ein Ausdruck dessen, dass viele der Piraten und Piratinnen zu ihrer Schulzeit keinen allzu großen Spaß hatten und nun rächen sich die Geeks für die erlittenen Traumata. Aber schauen wir uns den Antrag einmal genauer an.

Wie schon bei den rudimentären Ideen zum “fahrscheinlosen ÖPNV” wollen die Piraten die Bürokratie enorm aufblähen, denn die von ihnen propagierte Bildungspflicht erfordert einen umfangreichen Kontrollapparat, auch wenn der im Antrag nicht explizit genannt wird, so bleibt am Ende kaum etwas anderes übrig. In der Tat drückt sich der Antrag an vielen Stellen um konkrete Ausführungen. Wer die Luft aus den Reifen lassen will, sollte doch bitte genau sagen, wie mensch mit vier Platten trotzdem ans Ziel kommt. Der Antrag beginnt mit einer banalen Beschreibung der Verhältnisse:

Junge Menschen können heute nicht frei wählen, wo, wann in welchem Umfang und unter welchen Umständen sie sich bilden wollen. Durch die allgemeine Schulpflicht (Schulbesuchspflicht) werden sie gezwungen, täglich eine bestimmte Institution zu besuchen.

Betrachten wir doch einmal das bestehende Bildungssystem, seine Undurchlässigkeit nach oben und in seiner ganzen maroden Verfasstheit, dann erkennen wir doch ganz eindeutig, dass der verpflichtende Besuch einer Schule oft nur ein Mindestmaß an Bildung vermittelt und Eltern, die es sich leisten können jetzt schon ihre Kinder durch zusätzliche Bildungsmaßnahmen im nichtöffentlichen Bereich fördern, während ein nicht geringer Anteil der Kinder zurückgelassen wird. Ein Trend, der sich durch eine Bildungspflicht nur noch verstärken würde. Gute Bildung, die die gesellschaftlichen Chancen erhöht, wird dann am Markt teuer angeboten und die bestehenden Bildungseliten werden sich verfestigen. Eine staatliche Schule besucht zu haben oder die Nutzung defizitärer Angebote der Bildungspflicht, würden dann fast alle Chancen am Arbeitsmarkt zunichte machen. Ganz abgesehen von mangelnder Home Schooling Bildung, deren Wert kaum zu erfassen ist oder bei einer Prüfung der Kenntnisse am Ende der Bildungspflicht zu einem massiven Scheitern führen würde.

Die Piratenpartei setzt sich für die Umwandlung der allgemeinen Schulpflicht in das Recht auf freien und selbstbestimmten Zugang zu Bildung und Wissen und eine Bildungspflicht ein. Junge Menschen sollen die Freiheit erhalten, sich alternativ zum regulären Schulbetriebs selbstorganisiert zu bilden. Jeder Schule soll das Recht eingeräumt werden, Lernende, die nicht am regulären Schulbetrieb teilnehmen wollen, aufzunehmen, zu beraten und nach eigenem Ermessen zu betreuen. Die auf diese Weise aufgenommenen Lernenden sind bei der öffentlichen Finanzierung der Schule zu berücksichtigen.

Wie soll denn ein “selbstbestimmter Zugang zu Bildung und Wissen” konkret aussehen? Wie soll ich mir das bei 6 jährigen Kindern vorstellen? Die Kinder surfen dann den ganz Tag bei Wikipedia und tanzen dann zwischendurch ihren Namen? Schulen soll ein Recht eingeräumt werden Lernende zu betreuen und zu beraten, aber wie wir wissen ist niemand gezwungen ein Recht wahrzunehmen. So wie die Schulen im Moment ausgestattet sind, frage ich mich wie das zusätzliche Personal finanziert werden soll und diese Fachkräfte wachsen auch nicht auf den Bäumen. Die Aufforderung diese Kosten bei der Finanzierung des öffentlichen Bildungssektors zu berücksichtigen erscheint sehr naiv. Wobei: Drucken wir einfach mehr Geld oder nehmen mehr Schulden auf. Kostet ja nichts! Selbst eine grobe Schätzung der Kosten wird konsequent vermieden. Da diese Beratung seitens der Schule im eigenen Ermessen liegt, gibt es keinen einheitlichen Beratungsstandard. Aktuell 777 Schulen in Berlin würden 777 verschiedene Angebote machen, wenn überhaupt. Da einen Überblick zu behalten erscheint mir mehr als schwer.

Uns ist bewusst, dass die derzeitigen Regelungen im Berliner Schulgesetz junge Menschen vor Isolation und Indoktrination schützen können. Die verdachtsunabhängige Einschränkung von Grundrechten aller Lernenden ist hierzu jedoch kein angemesses Mittel. Es gilt im Gegenteil, die Rechte junger Menschen zu stärken, sowohl gegenüber dem Staat als auch gegenüber ihren Erziehungsberechtigten.

Alle religiösen Fanatiker_innen da draussen werden eure Forderung sofort begrüßen. Ebenso die Neonazis, die ihren Nachwuchs dann endlich ungestört im völkischen Sinne verziehen können. Wie setzt sich so eine Achtjährige denn gegen Staat und Eltern durch? Wenn es einen Verdacht gibt (Von wem auch immer), den irgendjemand prüfen und festellen müsste, dann soll die hier abgelehnte Einschränkung von Grundrechten weiter fortgeführt werden? Wer nicht das lehrt, was z.B. den (herrschenden) Piraten in den Kram passt, kommt dann eben zwangsweise in einer staatliche Bildungseinrichtung, die die Kinder wieder auf Linie bringt? Ihr mögt das für Schwarzmalerei halten, aber ich sehe die totalitären Gefahren einer solchen Regelung.

Mit dem Recht auf freien und selbstbestimmten Zugang zu Bildung und Wissen ist ein Anspruch der Lernenden gegenüber dem Staat und ihren Erziehungsberechtigten formuliert. Dort, wo der freie und selbstbestimmte Zugang zu Wissen und Bildung eingeschränkt ist oder dies zu erwarten ist, darf und muss der Staat eingreifen. Dies ist spätestens dann der Fall, wenn Lernende isoliert oder indoktriniert werden oder wenn ihnen keine ausreichenden Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden.

Der Staat soll also eingreifen, wenn jemand isoliert oder indoktirniert wird. So, so. Wie soll das kontrolliert werden? Wie sollen Hundertausende Schüler_innen überwacht werden? Sitzt dann immer jemand dabei und überprüft die Lerninhalte?

Mit der Bildungspflicht ist hingegen ein Anspruch an die Lernenden formuliert, sich tatsächlich zu bilden. Dies kann durch den Besuch einer Schule oder auf andere Weise geschehen.

Wie bildet sich Mensch denn tatsächlich? Haben wir bisher nur eine Scheinbildung und wie die “andere Weise” aussehen soll, will ich gar nicht fragen.

Wenn Lernende, die das fünfte aber noch nicht das(anders als im Liquid!) sechzehnte Lebensjahr vollendet haben, nicht an einer Schule angemeldet sind, soll der Staat bei regelmäßigen Besuchen in der Familie und/oder des gewählten Lernortes die Lernenden beraten und über die Angebote des öffentlichen Schulsystems informieren. Er soll weiterhin durch Besuche sicherstellen, dass das Recht auf freien und selbstbestimmten Zugang zu Bildung und Wissen gewahrt ist und die Lernenden sich tatsächlich und mit hinreichendem Erfolg bilden. Hierzu sind geeignete Vorschriften zu entwerfen.

Vater Staat soll regelmäßig die Famillien jener Kiner besuchen, die keine Schule besuchen. Berlin hat aktuell 325.986 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen. Rechnet euch selber aus, wieviele Berater_innen notwendig wären, um nur 100.000 Schüler_innen akkurat und regelmäßig zu beraten. Bei der Gelegenheit erhalten staatliche Stellen einen interessanten Einblick in die Wohn- und Lebensverhältnisse der betroffenen Familien. Wozu eine VDS, wenn vor Ort im realen Leben bespitzelt werden kann. Wie diese geeigneten Vorschriften genau aussehen, verrät uns dann Herr oder Frau Referentenentwurf, nicht wahr, liebe Piraten! Der hinreichende Bildungserfolg wird wie genau überprüft? Da kommt jemand vorbei, bringt einen Stapel Tests mit und fragt mündlich ab? Hier bleibt vieles im Unklaren. Die Überprüfung erscheint so umfangreich, dass ein_e Prüfer_in wohl nur einen Fall pro Tag schafft. Wenn überhaupt. Wie dann Tausende Fachkräfte bezahlt werden sollen, wo sie herkommen und wie sie geschult werden, bleibt in typisch piratesker Wünschiart ungenannt.

Dabei soll mindestens folgendes geprüft werden,

  • dass den Lernenden entwicklungsgemäße und vielfältige Lernangebote zur Verfügung stehen,
  • dass der Bildungsplan für die Lernenden dazu geeignet ist, sich vergleichbare Fähigkeiten wie Lernende an öffentlichen Schulen anzueignen,
  • dass Zugang zu Informationen und Wissen nicht behindert wird,
  • dass die Rückkehr zu öffentlichen oder staatlich anerkannten Schulen stets möglich ist,
  • dass Lernende in allen Sozialformen lernen können,
  • dass ausreichend Lehr- und Lernmittel zur Verfügung stehen,
  • dass die Lernenden ausreichend Erholungsphasen und Freizeit haben,
  • dass das Kindeswohl nicht gefährdet wird.

Für die erfolgreiche Überprüfung aller Punkte wäre eine ständige Überwachung und Kontrolle notwendig. Eine Gesellschaft, die es nicht hinbekommt Pflegeeinrichtungen angemessen zu überwachen, wird so eine umfangreiche Prüfung wohl kaum gewährleisten können.

Wird bei einem solchen Besuch festgestellt, dass der freie und selbstbestimmte Zugang zu Wissen und Bildung nicht gewährleistet ist und/oder die Lernenden die ihnen zur Verfügung stehenden Bildungsangebote nicht oder nicht mit hinreichendem Bildungserfolg in Anspruch nehmen, soll ein Verfahren bei der Schulbehörde eingeleitet werden. Für diese Verfahren wird den Lernenden – angelehnt an das FamFG – ein Verfahrensbeistand zur Seite gestellt, dessen Aufgabe es ist, ihre Interessen zu vertreten. Das Ergebnis so eines Verfahrens können u.a. weitere Unterstützung, (ggf. verpflichtende) Beratung und Betreuung, Einbeziehung des Jugendamtes oder Verpflichtung zum Besuch einer Schule sein.

Wer das Geld hat, wird seine Kinder schon angemessen bilden (lassen). Der Rest wird dann in die rudimentären Restschulen zwangseingewiesen. Die Elitenbildung wird damit weiter forciert und kontakariert damit den durchaus lobenswerten Gedanken einer freien und selbstbestimmten Bildung.

Die Piratenpartei schätzt die Vorteile eines öffentlichen Schulsystems und sieht viele Vorzüge darin, dass junge Menschen gemeinsam eine Schule besuchen. Sie sieht es daher als ihre Aufgabe an, das Bildungssystem und öffentliche Schulen so attraktiv zu gestalten, dass sie von den Lernenden gerne und auch ohne den Zwang durch eine Schulpflicht besucht werden und sie daran auch nicht gehindert werden. In zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern besuchen auch ohne Schulpflicht nahezu alle Lernenden eine Schule.

Ja, was denn nun? Öffentliche Schulen oder nicht? Das Argument “in anderen Ländern” zieht ja nicht wirklich und wirkt recht infantil, denn unter dieser Prämisse könnten auch Steinigungen gefordert werden, um es einmal deutlich zu formulieren. Unter dem Strich bedeutet eine Bildungspflicht, dass die, die es sich leisten können, sich von der Schulpflicht faktisch freikaufen können. Wie allzu oft denken die Piraten, dass eine technische Lösung die Antwort auf die Probleme unserer Zeit darstellt.

Lernende an öffentlichen und staatlich anerkannten Schulen sollen die Freiheit erhalten, Lehrangebote der eigenen Bildungseinrichtung durch Lehrangebote anderer Bildungseinrichtungen auszutauschen bzw. zu ergänzen. Dies schließt den Unterricht in Lerngemeinschaften außerhalb der staatlichen und staatlich anerkannten Schulen als auch die Nutzung von Angeboten des OnlineUnterrichts ausdrücklich mit ein. Das Gesamtkonzept des Lernenden sollte dazu geeignet sein, sich vergleichbare Fähigkeiten und Kompetenzen wie Lernende anzueignen, die nur die Lehrkonzepte von staatlichen bzw. staatlich anerkannten Schulen nutzen.

Onlineunterricht! Das musste ja kommen. Inhalte spielen keine Rolle, solange wir irgendwas mit Internet machen, denn das Netz wird alle Probleme lösen, die im realen Leben bisher nicht zufriedenstellend gelöst wurden. Das Austauschen von Lehrangeboten sieht dann so aus, dass Kinder an Schule X 2 Stunden Bio lernen, dann zu Schule Y fahren, um dort etwas Chemie zu lernen und Deutsch gibt es dann beim Privatlehrer, während sich die Sportgruppe jeden Dienstag Abend im Grunewald trifft? Wie darf ich mir dann diese Lerngemeinschaften vorstellen? Wer finanziert sie, wer hat Zugang und unter welchen Voraussetzungen und noch viel wichtiger: Wer lehrt und wer überwacht, was gelehrt wird? Fragen über Fragen und ich möchte stark bezweifeln, dass die Piraten jenseits der Ideologie Antworten liefern können und wollen. In der Begründung des Antrags steht:

Wer gezwungen wird, auf eine bestimmte Art zu lernen (auch wenn er innerhalb des Zwangs noch Wahlmöglichkeiten hat), lernt nicht selbstbestimmt.

Wer gezwungen wird zu lernen, der lernt dann selbstbestimmt, weil er sich aussuchen kann, wie der Zwang zu Bildung umgesetzt wird? Sehr gewagte “Logik”. Wobei die Inhalte, die gelernt werden sollen offenbar gar keine Rolle spielen. Wer nur die Form, aber nicht den Inhalt ändern will, nimmt nur eine Scheinänderung vor. Reine Kosmetik, aber so so ist nun einmal die Politik. Die Betonung, es handele sich nicht um eine Homeschoolinginitiative erscheint wenig glaubhaft, denn faktisch wird genau das passieren und eine Überprüfung erscheint angesichts des Umfangs und der Kosten, sowie des Eingriffs in die Privatssphäre nahezu unmöglich, ja sogar als eine Ausweitung des Überwachungsstaates. Dabei versuchen die Piraten doch stets den Eindruck zu erwecken, sie seien gegen den Überwachungsstaat. Ein Pflicht durch eine viel intensivere Pflicht auszutauschen erscheint grotesk. Dazu wird die soziale Ungleichheit in der Bildung massiv verstärkt. Im Namen der Freiheit und Selbstbestimmung. Welch ein Hohn!

Ohne die Pflicht, zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten Ort aufsuchen zu müssen, entstehen neue Möglichekeiten der Bildungsorganisation:

  • Verschiedene Angebote unterschiedlicher Bildungseinrichtungen können kombiniert werden.
  • Lerngruppen können sich Bezirksübergreifend zusammenfinden.

Wer die Kinder dann von Bildungsort zu Bildungsort fährt, ist dann genau wer oder sollen die Kinder den halben Tag alleine die durch die halbe Stadt fahren? Es scheint so:

Bildungsangebote, für die es auf einzelnen Schulen zu wenig Bedarf gibt, können in berlinweiten Lerngruppen vermittelt werden. (Wer Esperanto, Dänisch oder Portugisisch als Zweitsprache lernen will, oder Cricket im Sport oder LUA in Informatik, der findet selten genug Leute und/oder Lehrer für einen Kurs an seiner Schule und muß dann ggf. etwas Lernen, was ihn gar nicht interessiert. )

Nach welchem Prinzip werden die Plätze der Angebote verteilt? Wer zuerst kommt, der malt zuerst? Wie stimmen die 777 Berliner Schulen ihre Angebote ab?  Cricket in Zehlendorf, Esperanto in Pankow, LUA in Marzahn. Da sollte ein Schultag aber mehr als 24 Stunden haben. Alleine für die Dokumentation der besuchten Lerninhalte und der Nachweis des Lernerfolgs erfordert wohl die Einstellung einer Verwaltungsfachkraft pro Schüler_in. Schliesslich kommt Vater Staat irgendwann zu einem Kontrollbesuch nach Hause.

Onlineangebote mit Feedbackmöglichkeiten können zu einzelnen Themen Schulunterricht ersetzten oder ergänzen. Lernende finden Kontakt zu Lernenden aus anderen Städten und ggf. Ländern.

Wer gibt ein Feedback und wieviel Feedback kann ein Mensch Lernenden online geben? Um Kontakte in anderen Städten, Ländern oder Planeten herzustellen, müsste es dort ein vergleichbares System geben.

Lernende, deren Schlafrythmus erst ab mittag/abends volles Lernpotential ermöglich, können sich berlinweit zusammenfinden.

Es schreibt sich übrigens “Rhythmus”, aber das nur so nebenbei. Esperanto wird dann rund um die Uhr unterrichtet. Alle zwei Stunden eine Wiederholung der Lerneinheit. Dazu hätte ich gerne einmal eine grobe Kostenschätzung. Wo sich die lieben Lernenden berlinweit zusammenfinden können, wird leider nicht verraten.

Forgeschrittene Lernende können andere beim Lernen unterstützen, wenn sie nicht parallel zur gleichen Zeit im Unterricht sitzen müssen.

Ja, wenn sie nicht gerade in Pankow Chemie lernen, können sie andere in Zehlendorf beim Cricket unterstützen. Wenn!

Lernende können sich ihren eigenen Lernplan selbst organisieren und sich verschiedene Bildungsformen flexibel zusammenstellen.

Lernplan oder Lehrplan? Die Verwirrung ist groß und vielleicht hätten die Piraten vorher einmal die Begrifflichkeiten klar definieren sollen. So wie ich es verstanden habe, soll es doch einen verbindlichen Lehrplan geben, der die zu lernenden Inhalte regelt.

Kunstunterricht kann im Atelier stattfinden

Oder in der neuen Nationalgalerie oder gleich im Louvre, aber nur wer es sich leisten kann. Die Künstler_innen werden ihre Ateliers gerne 24/7 kostenlos zur Verfügung stellen. Die Fraktion der Wünschifundis hat sich erneut innerhalb der Berliner Piraten durchgesetzt, aber in keinster Weise die Folgen und Kosten ihrer Forderung nach einer Abschaffung der Schulpflicht und ihrer Ersetzung durch eine Bildungspflicht bedacht. Einen Erfolg werden die Piraten damit aber auf jeden Fall erzielen. Mit so einer Wolkenkuckkucksheimforderung finden sie gewiss ihren Weg in die Presse und schlechte Presse ist halt besser als keine Presse und dieser Beschluss ist im Lichte der bevorstehenden Bundestagswahl zu betrachten und zielt auf Jungwähler_innen bzw. Erstwähler_innen ab. Hier sollen mittels einer populistischen Forderung Stimmen eingefangen werden. Es ist wie bei den Grünen, die vor jeder Wahl zu verstehen geben, dass sie sich für eine Legalisierung von Cannibisprodukten einsetzen, obwohl sie genau wissen, dass sie eine solche Forderung in keiner politischen Koalition durchsetzen können. Augenwischerei pur.

12 thoughts on “Die Schulpflicht und die Piraten: Eine Nachhilfestunde

  1. Merzi, Ihr motiviert mich meinen Piratenbeitritt nochmals zu überdenken. Gegenläufig wäre mein Credo, öffentlich-rechtliches Infotaiment in den Mediatheken auszubauen und mit freien Downloads des Kursmaterials, Tutorial und Zertifizierung zu ergänzen.
    (65j IT-Rentner)

  2. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Piraten in Berlin ganz offen sagen, dass sie neue Bildungseliten bilden wollen und das Bildung eine reine Frage der Kohle ist. Dazu die Ausweitung des Überwachungsstaates. Wie der Onlineunterricht ausgestaltet werden soll, wird mit keinem Wort verraten. Dabei liegt dein Beispiel doch sehr nah, aber selbst so etwas konnten oder wollten sie nicht ausformulieren.

  3. @Helmut: Es gibt da ein Sprichwort und diese Erwiderung: “Wenn du Klugen nachgeben, regieren die Dummen die Welt.”

  4. Boah, Du hast echt Zeit, oder? Respekt für die Zähigkeit, sich so ausführlich mit diesem schwachsinnigen Vorschlag zu beschäftigen!

  5. Danke fürs Zerpflücken des Berliner “Beitrages” zur Lern- und Lehrverschlimmbesserung, die seit einigen Dekaden durch Deutschland geistert. Die Ziele sind nobel und toll, die Konsequenzen hat man sich natürlich nicht extrapoliert:
    Wirtschaftlicher Standpunkt: Teuer aufgrund des zwangsweisen Vorhaltens von parallelen Strukturen und die finanzkräftigen werden sicher den Privatunterricht des Kindes von der Steuer absetzen können, wodurch dem System Geld entzogen wird, was natürlich den staatlichen Schulen fehlen wird (zusätzlich zu dem heutigen Defizit, was gerade auch in Berlin bereits ein massives Problem ist).
    Soziologischer Standpunkt: Elitenbildung, Zweiklassengesellschaft – Nein Danke. Von den ständigen Besuchen durch Beamten in meinen 4 Wänden ganz zu schweigen (da merkt man den Einfluss der Spackeria)
    Fazit: :facepalm:

  6. @Schüler

    Danke! Gerade weil es schon ein abtruser Vorschlag ist, habe ich mir die eine Stunde Zeit genommen.

  7. …und schon wieder ein idiotischer Beitrag dieser Partei, der es bei genauerem HInsehen nicht wert wäre, darüber zu sprechen. Wobei das sicher ein guter Denksnstoß ist. Und als solchen verstehen sich viele PiratInnen ja auch. Mehr Gelassenheit, bitte.
    Davon ab: Hut ab für die gründliche und intelligente Analyse.

  8. Wer den vierten Schritt vor dem ersten gehen will, der kommt eben zu solchen Ergebnissen.

  9. Wozu eigentlich die Aufregung? Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem es eine Schulpflicht im Sinne eines Schulbesuchszwangs gibt. Alle anderen Länder haben eine Bildungs- oder Unterrichtspflicht, also keinen Zwang zum Besuch einer Schule.
    Dänemark hat seit 150 Jahren keine Schulpflicht mehr. Der Pisasieger Finnland kennt ebenfalls keine Schulpflicht.
    Die USA, Kanada, Australien, Neuseeland haben ebenfalls keine Schulpflicht. In Kanada und Neuseeland ist es sogar so, dass Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen, damit sie den Bildungsinteressen ihrer Kinder nachkommen können.
    Obwohl in all diesen Ländern keine Schulpflicht gilt, liegt der Anteil der Homeschooler in fast allen Ländern nur bei 1 oder 2 Prozent. Es ändert sich also nicht wirklich viel.
    Nun schlagen die Piraten in Deutschland vor, dass hier ebenfalls eingeführt wird, was in all den anderen Ländern schon lange eine Selbstverständlichkeit ist, und die Wogen schlagen hoch. Der Vorschlag der Piraten ist weder abwegig noch stellt er eine Gefahr für die Schule oder die Kinder dar. Das ist in anderen Ländern erprobt, warum glauben wir also, dass es hier nicht funktionieren kann?

  10. Das Argument, dass Andere das ja auch machen würden, ist bei näherer Betrachtung kein Argument, aber ich lasse mich einmal darauf ein. Finnland hat keine Schulpflicht? Hmmmmm. http://www.finn-land.net/finnland-news/archiv/juli2009/verlaengerung-schulpflicht-2107092.htm Das stimmt offenbar nicht. Es gibt eine 9 jährige Schulpflicht und die Menschen sind damit in keinster Weise zufrieden und wünschen sich eine zeitlich Ausweitung der Schulpflicht. Als dünnbesiedeltes Flächenland existieren sicherlich hier und da Ausnahmen, aber das bedeutet nicht, dass es eine solche Pflicht in Finnland nicht geben würde.

    Kommen wir zu Kanada: “In allen Provinzen besteht Schulpflicht für durchschnittlich zehn Jahre.” http://www.schueleraustausch-international.de/kanada/schulsystem-kanada.php Merkwürdig, oder? Kanada hat also auch eine Schulpflicht und Bildung ist in Kanada Sache der Bundesstaaten, ähnlich wie in Deutschland. Dänemark besitzt in der Tat keine Schulpflicht, aber dort gab es eine Reihe von Skandalen, als z.b. Sekten eigene, meist geheime Schulen gründeten. Bestes Beispiel ist die Scientology Schule in Bjerndrup, die geschlossen wurde. Dänermark ist also genau jenes negative Beispiel, vor dem hier gewarnt wird.

    Australien: “Schulpflicht in Australien besteht für Kinder und Jugendliche von 6 bis einschließlich 15 Jahren, zunächst in der Preparatory School, vergleichbar dem deutschen Kindergarten, sowie später dann in der Primary und Junior Secondary School, die ca. 10 Schuljahre umfasst:” http://www.schule-australien.com/schulpflicht-australien/ “Die Schulpflicht in Australien besteht vom sechsten bis zum 15. Lebensjahr (bis 16 Jahre in Tasmanien). Jeder Staat und jedes Territorium hat seine eigenen Schulgesetze.

    Neben den öffentlichen Schulen gibt es in allen Stufen auch private Schulen. In den privaten Schulen sind acht Schlüsselfächer vorgeschrieben, in denen je 60 Unterrichtsstunden je Semester zum Erlernen der grundlegenden Fähigkeiten vorgeschrieben sind.” http://de.wikipedia.org/wiki/Dauer_der_Schulzeit

    Neuseeland: “Die Schulpflicht besteht in Neuseeland von sechs bis sechszehn Jahren.” http://www.schule-in-neuseeland.de/schule-in-neuseeland/

    Soll ich weiter machen? Auf Grundlage falsche Fakten zu argumentieren, ob absichtlich oder fahrlässig, steigert kaum das Ansinnen der Befürworter_innen der Abschaffung der Schulpflicht. Du hast hier hauptsächlich ideologisch argumentiert und bist auf nicht eine einzige meiner im Artikel aufgworfenen Fragen eingegangen, So wird das nichts. Leider.

  11. Danke, danke, danke …. für das Aufgreifen dieses Themas. Die dummen Piraten gibts ja so gut wie nicht mehr; aber dumme Ideen sterben leider nimmer aus…

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