Telegehirn

Was ist das für 1 Blog?

Liebe Kandidatin!

3 Kommentare

Deine Ankündigung für einen (sicheren) Listenplatz deiner Partei bei der Bundestagswahl 2013 kandidieren zu wollen, hat kaum einen Menschen überrascht. Als Motivation gibst du u.a. an, dass du Menschen vertreten möchtest, deren Stimmen nicht gehört werden. Damit vertrittst Du, liebe Kandidatin, den Grundsatz der repräsentativen Demokratie: Menschen geben alle vier Jahre im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stimme ab, um sich dann vertreten zulassen und nicht mehr gehört zu werden. Dass dieser Ansatz meilenweit entfernt vom Ansatz der Emanzipation des Menschen von Herrschaft ist, sollte dir bewusst sein. Aber, liebe Kandidatin, das ist nicht der Grund, warum ich dir hier einige meiner kostbaren Zeilen widme, sondern es geht mir viel mehr um dein konkretes Verhalten mir gegenüber und ebenfalls etwas um deine mir merkwürdig erscheinenden Ansichten.

Kurz nach den Abgeordnetenhauswahlen 2011 bist du, liebe Kandidatin, mir das erste Mal aufgefallen, als über dich ein Artikel im Tagesspiegel stand, der thematisierte, dass ein MdA dich als persönliche Mitarbeiterin eingestellt hatte, was zahlreichen Widerspruch, auch in deiner Partei, produzierte. Mit großer Verwunderung las ich im April 2012 in deinem Blog, wie du einen Text von Anarchosyndikalisten benutzt hast, um zu erklären, dass deine Partei weder links noch rechts sei. Dabei hattest du jeglichen Hinweis auf Anarchosyndikalismus in dem Artikel durch den Namen deiner Partei ersetzt. Ein durchaus dreistes Stück, da der Anarchosyndikalismus Parlamentarismus und Parteien als Ausdruck von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen konsequent ablehnt. Deren intellektuelle Leistung nun dazu zu benutzen, um genau das Gegenteil auszudrücken, ist würdelos und ein Schlag ins Gesicht jener Menschen, die den Kampf gegen die bestehende Ordnung führen und nicht danach streben ein elitärer Bestandteil dessen zu werden. Dem Abgeordneten, bei dem du unter zweifelhaften Umständen beschäftigt warst, wie ich ja aufgrund der aktuellen Ereignisse der letzen Wochen sagen muss, hatte ich mehrfach und leider erfolglos vorschlagen in einen öffentlichen und transparenten RL-Dialog zutreten, denn nach seinen Ansichten, die deinen Ansichten, liebe Kandidatin, nicht ganz unähnlich sind, sei es möglich als Anarchist in Partei und Parlament zu wirken, ohne sich dabei der vollständigen Lächerlichkeit preizugeben.

Über diese Punkte wollte ich in einen inhaltlichen Diskurs treten, denn mich würde sowohl die theoretische Grundlage dieser Denkweise interessieren, die allen Richtungen des (klassischen) Anarchismus fundamental widerspricht, als auch die praktische Umsetzung der Errichtung einer herrschaftsfreien Gesellschaft mittels Werkzeugen aus dem Werkzeugkoffer der bestehenden Herrschaftsordnung. Leider waren alle meine Versuche bis zum heutigen Tage vollkommen vergeblich. Während einer meiner Versuche vom parlamentarischen Anarchisten ein klares Ja für eine öffentliche Diskussionsrunde abzuringen, fiel mir deine Affinität zu Feuer auf. Wobei sich das als Klicktivismus in Reinkultur entpuppte, der kein wirkliches Hineinwirken in das reale Leben erreicht, sondern nur dem digitalen Imagegewinn dient. Du hattest behauptet, dass du ja erst einmal ins Parlament kommen müsstest, um es anzuzünden. Physikalisch mag das durchaus zutreffen, aber ein Marinus van der Lubbe musste sich weder im Parlament anstellen, noch hineinwählen lassen, um es als Fanal gegen den Faschismus anzuzünden. Du warst über ein Jahr im Parlament tätig, aber es hat nicht einmal gebrannt. Radikalismus, der nur verbal stattfindet, kann nicht ernst genommen werden, so wie ich Dich inhaltlich nicht ernstnehmen kann, liebe Kandidatin.

Persönlich sah ich dich das erste Mal im Oktober beim Refugeecamp am Pariser Platz und ich nahm Deine Teilnahme als Supporter zur Kenntnis, fand aber das dieser Ort den Geflüchteten und ihren Forderungen nach einer menschenwürdigen Behandlung gehört und nicht den inhaltlichen Differenzen zwischen uns. Die Befürchtung, die ich hatte, dass Parteimenschen das Refugeecamp nutzen würden, um sich zu profilieren, erfüllte sich in den Tagen des Camp am Brandenburger Tor zum Glück nicht. Wir haben vielleicht zwei, drei Worte miteinander gewechselt und standen wir in einer Runde zusammen, dann hast Du meist an deinem smart phone irgendwas rumgetippt. Hättest Du es, liebe Kandidatin, doch nur immer in den Tagen des Refugeecamps so gehalten, es wäre mir einiges erspart geblieben. Deine „Paranoia“, wie es einige deiner Parteifreundinnen und -freunde durchaus treffend formulierten, sorgte für einige Unruhe, als Du mehrfach von Cops gehört haben wolltest, dass eine Räumung unmittelbar bevorstehen würde und Du diesen Umstand, der mit der realen Lageeinschätzung leider nicht das Geringste zu tun hatte, allen erzähltest, die es wissen oder auch nicht wissen wollten. Die von Dir, liebe Kandidatin, dadurch ausgelöste Spannung der Supporter und der Refugees war unnötig und hat Menschen gefährdet. Unnötigerweise wurden Supporter mobilisiert, die sich besser ausgeruht hätten und vor Ort nicht wirklich gebraucht wurden. Mittlerweile legendär ist deine panische und öffentliche Reaktion auf einen etwas merkwürdigen Journalisten, der während einer PK der Refugees in der AdK anwesend war und sich im Anschluss mit einer Beschwerde an die CDU im Innenauschuss des AGH wandte und von der Konservativen dort gegen das Refugeecamp in Stellung gebracht wurde. So wurde der Reaktion aufgrund Deiner Undiszipliniertheiten, liebe Kandidatin, unnötig Munition geliefert und den Forderungen der Reefugees Schaden zugefügt. Mein persönlicher Eindruck ist, dass vieler deiner Parteifreundinnen und -freunde das ähnlich sehen, aber es Keine_r wirklich schafft Dir, liebe Kandidatin, das zu vermitteln.

Leider warst Du während des Refugeecamps am unseeligen Spiel „Ich war 26 Stunden am Stück dort“ vs „Ich war aber 32 Stunden anwesend“ beteiligt. Es war Konsens, dass nicht die Supporter, sondern die Refugees stets im Mittelpunkt stehen, die in ihrem Kampf mehr geleistet haben als alle Supporter zusammen. So war es ebenfalls Konsens, dass Supporter keine Interviews geben und Journalisten vor Ort immer an die Refugees verweisen. Angewidert musste ich gestern in deinem Profil zur Bewerbung als Listenkandidatin lesen, dass Du dort mit deiner Teilnahme am Refugeecamp wirbst, wo du u.a. angeblich für „Hub“ und PR“ zuständig gewesen sein willst. Dazu verlinkst du zu einem Videoausschnitt aus der 3Sat Sendung Kulturzeit, in der du ein Interview gibst. Während die 19 Helden, ja für mich waren und sind die 19 vom Pariser Platz Helden und Inspiration zugleich, mittlerweile in alle Winde zerstreut sind, teilweise auf der Flucht vor den Autoritäten, die sie nur allzu gerne in ihre folternden Finger bekommen würde und es um die Sache der Refugees schlecht steht, wirbst du mit deiner Teilnahme, die hier bewusst oder unbewusst übertrieben und heroisiert wird, für eine Listenplatzkandidatur für jenes Parlament, das für die menschenunwürdige Lage der Geflüchteten mitverantwortlich ist. Meine Befürchtungen, dass Supporter ihre Rolle dazu benutzen, um sich politisch zu profilieren, hat sich im Nachgang leider bestätigt. Trösten kannst Du Dich, liebe Kandidatin, mit dem Umstand, dass eine Deiner Konkurentinnen um einen Listenplatz in ihrem Lebenslauf, der u.a. als Eigenwerbung für die Kandidatur dient, ebenfalls mit ihrer Teilnahme am Refugeecamp „prahlte“, aber das nach aufkommender Kritik wieder von ihrer Webseite entfernte. Dein Zünd-den-an-Tweet zum zukünftigen Polizeipräsidenten von Berlin, Kandt, hat die Diskussion über seine rassistischen Denk- und Handlungsweisen weitgehend überlagert und so eine Debatte darüber unmöglich gemacht. Konservative und die Springerhetzpresse nahmen das dankbar auf. Auch hier hast Du, liebe Kandidatin, wieder einmal der Reaktion einen Dienst erwiesen.

So weit, so schlecht. In der letzen Woche musste ich dann bei Twitter lesen, dass du dich von Nazis bedroht fühlst und deshalb Furcht hättest alleine zu Wahlkampfterminen zu gehen. Auf Nachfrage einer Tweettätigen schriebst Du: „also hier ist es so schlimm geworden für rfcamp-supporter. Die sind auf entsprechenden online-portalen gelandet“. Aus Sorge um die Sicherheit von Genossinnen und Genossen, Freundinnen und Freunde, die als Supporter des Refugeecamps aktiv waren, fragte ich Dich, liebe Kandidatin, ob Du dazu vielleicht ein paar Links hättest, die du mir auch als DM privat zuschicken könntest. Leider kam von dir dazu weder öffentlich, noch privat eine Antwort und auch auf mehrmaliges Nachfragen kam keine Reaktion. Gestern dann warst du so gnädig und hast mir geantwortet: „kannst der verraten, mit welcher Begründung ich dir Informationen geben sollte? Das mit dem Vertrauen hast du mehr als verspielt“. [Anmerkung: Rechtschreibung wurde nicht korrigiert.] Wie ich etwas verspielen kann, was ich nie besaß und auch nie anstrebte, ist mir schleierhaft. Dazu war ich schockiert darüber, dass Du als Antifaschistin Infos über die Bedrohung von Supporten des Refugeecamp durch Nazis zurückhälst, weil Du, liebe Kandidatin, glaubst ein Problem mit meiner Person zu haben oder viel mehr mit meiner Meinung bzw. meiner Kritik an deinen Thesen und deinen Handlungen. Gegenüber anderen Supporten des Refugeecamps musstest Du gestern eingestehen, dass es gar keine aktuelle Bedrohungslage gibt. Daraufhin hast Du deine Tweets dazu gelöscht.

Da stellen sich mir gleich einige Fragen: Wenn es keine aktuelle Bedrohung gab, warum erwähnst Du das dann? Geht es Dir hier, liebe Kandidatin, nur um die reine Profilierung? Sind Politiker_innen etwa so schamlos so etwas für eine persönliche Profilierung zunutzen? Und wenn es keine aktuelle Bedrohung gibt, warum hast du mir dann, wie ich es dir vorschlug per DM nicht mitgeteilt, dass es eben keine aktuelle Bedrohung gibt, sondern mich fünf Tage warten lassen, um mir dann eine Mitteilung unter dem Hinweis auf nicht existentes Vertrauen zu verweigern? Das passt doch vorne und hinten nicht, liebe Kandidatin. So blöd ist doch Keine_r, um Dir das abzunehmen. Damit leider nicht genug. Gestern hast Du dann Menschen aus meinem direkten Umfeld angeschrieben und angesprochen, dass ich „vertrauliche Informationen missbraucht hätte“ und dazu „seit Jahren“ ein Problem mit dir haben würde. Die Verwendung des Plurals hat mich dann doch heftig lachen lassen, da ich überhaupt erst ab Oktober 2011 via Twitter von deiner Existenz erfuhr. Deine Behauptung, ich hätte diverse Male Angebote von dir zu einem persönlichen Treffen abgelehnt, ist grotesk und wirft bei mir die Frage auf, wie groß dein Realitätsverlust mittlerweile ist. Es ist für mich ein schäbiges Verhalten, dass Du, liebe Kandidatin, da Menschen aus meinem Umfeld zutextest und hineinziehst, die damit absolut nichts zu tun haben. Du hast auch Widerspruch zu deinen Lügengeschichten geerntet und diesen mit dem Verweis, dass diese kritischen Menschen ja von mir beeinflusst worden seien, weggewischt. Ach, liebe Kandidatin, hast Du das wirklich nötig? Es scheint leider so. Dein Umgang mit Kritik und den Menschen, die sie äussern, ist schon jetzt bundestagswürdig und deshalb ergibt deine Kandidatur jetzt schon wieder irgendwie Sinn.

Am Ende rufe ich dir zu: ¡Ya basta! Es reicht!

3 thoughts on “Liebe Kandidatin!

  1. Wenn du das nicht weißt, kann ich dir leider nicht helfen. Aber Zitate zunehmen und zu googlen, könnte dich der Antwort näher bringen.

  2. Es ehrt den Autor, die Dame so weit durchschaut zu haben. Das tun nämlich nicht alle. Es gibt nach wie vor einen (schrumpfenden) Fanclub. Das mit dem Bundestag hat bekanntlich nicht geklappt, und das ist wohl auch gut so. Solche Leute im Bundestag wäre eine noch schlimmere Katatstrophe als die ganzen etablierten Socken, die wenigstens ’nur‘ mehr oder weniger offen ihre klebrige Klientelpolitik betreiben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s