Telegehirn

Was ist das für 1 Blog?

Gastbeitrag: Der Quantenzustand des Heinz Buschkowsky

Hinterlasse einen Kommentar

17:00 – die Bezirksverordnetenversammlung-Neukölln beginnt. Aufgeregte Presseleute umzingeln den Bezirksbürgermeister, die versammelte Berliner Presse ist gekommen, um zu erfahren ob und in welchem Umfang der Bezirksbürgermeister Mitarbeiter des Bezirksamts zur Hilfe gezogen hat, um sein Buch „Neukölln ist überall“ zu schreiben. Zu Beginn der Sitzung beschließt die Bezirksverordnetenversammlung(BVV) einstimmig eine Entschließung gegen Rechts. „Neukölln ist ein weltoffener und toleranter Bezirk. Hier leben Menschen aus unterschiedlichen Ländern friedlich zusammen – in Neukölln sollte es keinen Raum für Nazis und ihre rechtsradikalen Aktivitäten geben.“ Die Mitglieder des Bezirksamts kommentieren, sie werden alles in ihrer Macht stehende tun, um rechtem Gedankengut den Nährboden zu entziehen. Seltsam… die Erinnerungen sind noch frisch an die geschriebenen Worte des Bezirksbürgermeisters Heinz Buschowsky, so ziemlich jede rechtspopulistische Organisation in diesem Land hat ihm dazu gratuliert, überall in Deutschland finden „Bio-Deutsche“, ein anderes Wort für Arier, sich in den Ansichten des Bezirksbürgermeisters wieder und haben das Gefühl, Neukölln sei überall.

Doch nicht genug. Der Bürgermeister hat das Wort und er ergreift es: „Neukölln ist überall, auch im Weltraum!“ – man fragt sich ob er die dunkle Seite des Mondes meint (Eine Neuköllner Schule hat einen Programmcode auf die ISS geschickt, was sie mit dem Buch zu tun Hat wird allerdings von ihm nicht erläutert) Nach dem das geklärt war, ist es so weit. Die Presse macht sich fertig für den nächsten Auftritt des Bezirksbürgermeisters. Semih Kasap (Piraten) stellt die mündliche Anfrage ,,VG 27 L 264.12″, die Vorgangsnummer des Gerichtsverfahren, das der Tagesspiegel gegen den Bezirksbürgermeister angestrengt und gewonnen hat. Dieser Bürgermeister ist nicht so irre, wie alle denken, er weiss genau was er tut, seine unendliche Selbstreflexion kommt jetzt unverhohlen zum Ausdruck. Statt dem Bürgermeister steht sein Stellvertreter Falko Liecke (Stadtrat für Gesundheit und Jugend) auf und verkündet, der Bürgermeister hat sich für befangen erklärt und kann leider, als Bürgermeister, nichts zur Anfrage sagen. Großartig, endlich einer der sagt, dass er nichts zu sagen hat! Die Presse ist ein wenig enttäuscht, alles scheint vorbei zu sein, da tritt noch einmal Steffen Burger (Fraktionsvorsitzender der Piraten) an das Rednerpult und fragt den Bezirksbürgermeister, ob er denn als Privatmann zu den Fragen Stellung beziehen könne.

Und in diesem Augenblick wird die Öffentlichkeit Zeuge einer neue politischen Ära: Der Quantenpolitik. Was vorher nur anhand theoretischer Modelle geahnt werden konnte, wird in diesem Experiment endlich nachgewiesen. Privatperson und Bürgermeister sind zugleich da, nicht da und woanders. (aus der Einführung in die Quantenpoltik;)“Quantenpoltiker (z. Bsp. Bezirksbürgermeister) haben die Eigenschaft, dass sie gleichzeitig an zwei und mehr Orten sein können. Sie sind mal Privatmann, mal Amtsträger. Als Privatmann aber erscheinen sie nur, wenn man sie anschaut oder misst (oder verklagt). „Sie manifestieren sich sozusagen erst dann in der Raumzeit, wenn wir sie als Privatmann beobachten“, wenn das Amt zusammenbricht („Amtskollaps“). “Ansonsten existiert nur das Amt.“ Nachdem also Steffen Burger ihn als Privatmann fragte, verschwand der Bezirksbürgermeister augenblicklich und der Privatmann Heinz Buschowsky erklärte der Bezirksverordnetenversammlung und der Presse, dass dieser Quanteneffekt natürlich auch für alle anderen Mitarbeiter des Bezirkamtes gelte. Der Zählgemeinschaft war plötzlich klar, wie verantwortungsvoll und integer dieser großartige Bürgemeister als Privatmann war, dass er nur den Zusammenbruch des gesamten Bezirksamtes verhindern wolle und ganz egal, welche Fehler er als Bürgermeister macht, er sich als Privatmann seiner Verantwortung stellt.

Ein Mann mit Charakter, keiner der vor der Verantwortung flieht. SPD und CDU verwerteten die neu gewonnen Erkenntnisse direkt im kommenden Antrag zu den Nebeneinkünften. In diesem wird das Bezirksamt gebeten, eine Selbstverpflichtung zum Umgang mit Nebeneinkünften von Bezirksamtsmitgliedern zu erarbeiten und zu beschließen. Wie das möglich sein soll, fragten sich SPD und CDU? Wenn die BA-Mitarbeiter das täten und damit als Privatleute aufträten, müsste das Bezirksamt augenblicklich in sich zusammenfallen, ein Amtskollaps müsste folgen! Das kann die BVV nicht verantworten, deshalb keine Auskunft über Nebeneinkünfte der Mitarbeiter vom Bezirksamt. Der Scharfsinn ist beeindruckend und die Bezirksverordneten als Privatleute aufrecht und selbstbewusst.

Dieser unendliche Erkenntniszugewinn hörte allerdings noch nicht auf, ein Antrag zur sogenannten „Freilufttrinker“-Problematik stand noch bevor. In diesem sollte das Bezirksamt ein Konzept erarbeiten, durch Ordnungsmaßnahmen Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit einzudämmen. Zur Erklärung: Freilufttrinker sind Teilchen, die von politischen Ideologien vorausgesagt werden, experimentell allerdings noch nicht nachgewiesen sind. Sicher ist nur, dass getrunken wird im Freien, welche anderen Qualitäten diese sogenannten Hicksteilchen besitzen, sollte Thema dieser BVV werden. Für den Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Herrn Oeverdieck, waren „Paare, die Piccolo Sekt auf einer Parkbank trinken“ keine Freiluftrinker.

Die Neuköllner CDU-Fraktionsvorsitzende entdeckte bei dieser Gelegenheit gleich ihre ganz eigene Form der Nächstenliebe, als nämlich die Oppositionfraktionen aus Piraten, Grünen und Linken die anderen BVV-Mitglieder fragten, warum Alkoholkranke ,,Freilufttrinker“ genannt werden, führte die Fraktionsvorsitzende Christina Schwarzer aus, wie „erbärmlich“ diese Frage sei und dass eben diese Frage beweise, wie „egal den anderen, die armen Trinker seien.“ Die CDU dagegen wolle diese nur vor sich selber schützen, indem sie sich dem Problem annimmt, sie in ihre Wohnung jagt und mit Geldbußen übersäht. Nur aus Liebe und Fürsorge versteht sich.

Wie recht die CDU wieder hat, wenn all diese armen Trinker nur wüssten, wie peinlich und störend sie für die CDU sind, dann würden sie bestimmt sofort aufhören zu trinken und ein tiefes Gefühl der Liebe in sich verspüren… hicks. Nach dieser argumentativen Glanzleistung ergreift der Bürgermeister erneut das Wort. Für den Bezirksbürgermeister sind Süchtige nicht krank, sondern selbst Schuld, und Schuld muss man sich leisten können. Wer sich die nicht leisten kann ist selber schuld. Nur gerecht also, wenn der es mit den Schuldeneintreibern zu tun kriegt, die fackeln nicht lange, Platzverweis, Geldbuße und einen Schlag auf den Hinterkopf, das funktioniert. Um das Stadtbild ging es natürlich nie, immer nur um die Menschen. Mit der neuen Quantenpoltik können offensichtlich die scheinbar größten Widersprüche unserer Politik mit Leichtigkeit erklärt werden. Wenn wir jetzt zurückblicken auf die verantwortungslosesten politischen Entscheidungen der letzten Jahre, wird alles viel klarer und die Politiker unserer Bundesrepublik, ach alle Politiker der ganzen Welt, sind so verantwortungsbewusst und integer, dass man wieder Lust auf Politik bekommt.

Meine ganze Anerkennung gilt der Zählgemeinschaft und dem Bezirksbürgemeister, ein Modell dafür gefunden zu haben, in dem Alles, überall, immerzu möglich ist und man zugleich keine Konsequenzen zu fürchten hat, weil keiner mehr der ist, der er ist und keiner mehr weis wo er steht, weil alle überall stehen, wie es ihnen gerade passt. Uns so bleibt nur zu hoffen das die neuköllner Bevölkerung aufwacht und die Wiedersprüche der neuköllner Politik anprangert und sich endlich damit beschäftigt. Es ist ein trauriges Zeugnis wenn ein Bürgermeister der seit über 10 Jahren regiert, die Schuld den Menschen in die Schuhe schiebt, mit denen er nur Sichtkontakt aus dem Auto herraus pflegt und sich dann mit einem Buch, voller unzusammenhängender Allgemeinplätze, dumm und dämmlich verdient.

Traurig ist auch wenn die sozialdemokratische Partei in Neukölln eine Politik unterstützt, die ohne Angabe der Parteizugehörigkeit, zweifellos nur der CDU angerechnet werden würde. Man fragt sich, wo die Wiederstandskräfte dieser einstmal fordernden Sozialdemokraten in Neukölln geblieben sind. Doch wer weiss, vielleicht ist die Fusion aus CDU und SPD schon längst Realität, während die Führungskräfte den richtigen Moment abpassen der orientierungslosen Bevölkerung und den eigenen Parteimitgliedern mitzuteilen, dass es jetzt eine neue übergreifende Einheitspartei gibt, die das Wählen vereinfacht, die sozialdemokratische Union, die SDU.

Voller Respekt klopf ich ihnen auf die Schulter Herr Bürgermeister: Gratulation für ihre großartige Entdeckung, ihre gelungene Fusion und ihren stabilen Quantenzustand. Und ja, Neukölln ist überall, weil die Welt ein Schmelztiegel für Menschen geworden ist und wer glaubt, er könne mit altbackenen Zaubersprüchen über Herkunft und Tradition, die Zukunft unserer Stadt, unseres Landes oder gar Europas gestalten, der verschließt nur die Augen vor den Herausforderungen von Morgen und rettet sich in den Traum von Gestern. In diesem Sinne, schlafen Sie gut, nur bitte nicht wieder in der Bezirksverordnetenversammlung, danke.

*Mit großer Freude habe ich diesen Beitrag eines Insiders der Neuköllner Bezirkspolitik veröffentlicht*

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s