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Viele kleine Dilemmata und das große Elend

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In den vergangenen Tagen erreichten Tausende Refugees, die in Ungarn festsaßen, Deutschland und Österreich. Die Situation für die Refugees war und ist in Ungarn dramatisch. In Zeltlagern unter freiem Himmel eingepfercht, von der ungarischen Polizei mit Tränengas bedacht, um oft genug von dieser bestohlen zu werden. Wer will sich dem schon aussetzen? Das gewollte Versagen der europäischen Asylpolitik kann hier nur am Rande behandelt werden und sollte bei Gelegenheit an anderer Stelle näher beleuchtet werden.

Am Wochenende kamen also Tausende Refugees mit der Bahn in Deutschland an. Hauptsächlich in München und wurden von dort auf andere Städte verteilt. Spontan fanden sich Menschen zusammen, um die Ankommenden am Bahnhof zu begrüßen und das Notwendigste, wie Essen, Getränke, Kleidung und Hygieneartikel kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dagegen hat sich nun an der einen oder anderen Stellen Kritik erhoben. Eine oft falsche Kritik, wie ich meine. Grundsätzlich ist es selbstverständlich zu begrüßen, wenn der Parole „Refugees Welcome“ dann auch einmal Taten folgen. Immer noch besser, da stehen Menschen, die den Refugees freundlich und hilfsbereit begegnen, als wenn da Nazihorden und Prügelcops mit Pfefferspray warten.

Die Motivation der Helfenden wird hinterfragt und ich habe mir in den letzten Tagen immer wieder Gedanken dazu gemacht. Aber ich weiß nicht welche Motivation die Leute da haben und ich weiß auch nicht, ob sich die Ankommenden immer so darüber freuen, aber bevor ich einen abwertenden Artikel darüber schreibe, hätte ich die Menschen vor Ort erst einmal dazu befragt. Natürlich könnten dann vorgefasste Meinungen zerplatzen wie Seifenblasen und ich könnte keine Artikel von oben herab schreiben und Hilfsgüter für Menschen, die faktisch alles verloren haben als Wohlstandsmüll diffamieren. Mein Gefühl sagt mir durchaus, dass es sein könnte, dass da viele Menschen, die an den Bahnsteigen stehen, nur ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen. Denn eines ist klar: Mit ein paar Äpfeln am Bahnhof ist es nicht getan. Den Menschen muss weiter geholfen werden, wenn sie denn Hilfe wollen. Wenn jetzt fast nur noch Sachleistungen und/oder Gutscheine an Refugees verteilt werden, dann ist es keine Frage, dass dort interveniert werden muss, um Lebensmittelgutscheine in Bargeld zu tauschen.

Bei all der Euphorie darf auch nicht vergessen werden, dass vom ungarischen Grenzzaun bis in den Libanon immer noch Millionen Menschen tief in der Scheiße stecken. Da muss es Lösungen geben. Von Wegen, um den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden, dem die Welt seit 2011 weitgehend tatenlos zusieht, will ich gar nicht erst schreiben.

Ja, auch ich mache mir so meine Gedanken und stelle mir Fragen zu den Willkommensaktionen. Kritik möchte ich das nicht unbedingt nennen, denn dazu ist mir zu wenig über die genaue Motivation der Helfenden bekannt. Da bleibt nur ein Stochern im Nebel, aber dann sollte man das auch so bezeichnen. Also: wie ich oben schon erwähnte, habe ich mir so meine Gedanken gemacht und ein paar Fragen aufgeworfen, auf die ich aber nicht immer eine klare Antwort gefunden habe. Vielleicht wisst ihr ein paar Antworten.

Wären so viele Menschen an den Bahnhöfen, wenn die Refugees nicht aus einem Bürgerkriegsland wie Syrien kommen würden? Wenn da Menschen aus dem Senegal, aus Nigeria, dem Iran oder sonstwo kommen würden, die vielleicht einfach „nur“ nicht verhungern wollen oder einfach mehr „Freiheiten“ genießen wollen?

Mir ist durchaus aufgefallen, dass das Helfen vor Ort für viele eine sehr emotionale Angelegenheit zu sein scheint. Da fließen Tränen und es wird wild geklatscht. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man in Teilen sich selbst und die eigenen Taten feiert. Hier und da werden Selfies gemacht, um der Welt zu zeigen, wie toll man da hilft. Wenn Menschen aus einem brennenden Haus fliehen, dann stehen die Löschenden und Helfenden in der Regel nicht Spalier und klatschen und machen Fotos, wie sie den gerade dem Tod entkommenden Menschen eine Decke umlegen oder einen Saft reichen. So blöd bin ich nicht, dass ich nicht wüsste, dass wir in einem Zeitalter des Narzissmus und der öffentlich gelebten Selbstdarstellung leben. Vielleicht kann das ein Weg sein, um noch mehr Menschen zu motivieren, sich zu engagieren, auf welchem Feld der Asylpolitik auch immer. Kann, muss aber nicht. Aber generell wären mehr Zurückhaltung und mehr professionelles Verhalten anstatt emotionaler Handlungen geboten.

Es ist ein Dilemma: Laute Hilfe mag immer noch besser sein, als gar keine Hilfe. Privates Engagement ersetzt fehlende und notwendige staatliche Hilfe. Das massive und oft gewollte Staatsversagen wird zum Teil durch solche Aktionen ausgeglichen, aber das kann und darf keine dauerhafte Lösung sein. Es ist eine vertrackte Situation, die nur schwer aufzulösen ist und für die es keine einfachen Lösungen gibt. Dieses Dilemma kann und muss mittels politischem Drucks gelöst werden.

Es bleibt zu hoffen, dass all jene, die jetzt Sachspenden leisten und/oder sich vor Ort einsetzen, dann auch politisch die richtigen Forderungen an die Verantwortlichen stellen und einen politischen Elan entwickeln, der vielleicht die gängige Abschottungspolitik ins Wanken bringen könnte oder sie zumindest öffentlichkeitswirksamer hinterfragt und kritisiert wird.

Noch eines zum Ende: Wenn ich u,a, Tweets lesen muss, wo Helfende schreiben, sie wären jetzt schon 12 Stunden dabei und wüssten nicht, wie lange sie noch durchhalten würden und die Emotionen sie übermannen, dann erinnert mich das fatal an einige Szenen während des Refugeecamps am Pariser Platz 2012. Menschen gerieten und geraten heute wieder in einen emotionalen Strudel, der sie nach unten zieht und sie kaputt macht. Da wäre es doch schön, wenn das Umfeld Menschen, die so fertig sind, nach Hause schickt und ihnen eine Pause verordnet, wenn sie nicht mehr selbst in der Lage sind, um zu erkennen, dass die Zeit dafür gekommen ist.

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