Telegehirn

Was ist das für 1 Blog?

O Medienkompetenz! My Medienkompetenz!

Hinterlasse einen Kommentar

Es steht außer Zweifel, dass das digitale Zeitalter eine Geschwindigkeit erreicht hat, was die Übermittlung und Verbreitung von Nachrichten betrifft, dass es nur so schwindelt. „Bürger_innenjournalismus“ tritt in Konkurenz zu den „klassischen Medien“ und alle wollen sie das digitale Feld als Erste pflügen und die Früchte dieser Arbeit so schnell wie es geht zu Markte zu tragen, um möglichst viel Fame bzw. Reichweite (Retweets, Favs, neue Follower) abzugreifen. In der Hochzeit der Blogs, als es Twitter noch nicht gab, bzw. dessen Reichweite nur mit dem Elektronenmikroskop sichtbar wurde, verging immer etwas Zeit zwischen dem ersten, gerüchtehaften Auftauchen von schauerlichen oder skandalösen Neuigkeiten und dem empörten Eintippen von Artikeln.

Dank Twitter hat sich dies grundlegend verändert. Wer kennt es nicht? 140 Zeichen sind schnell in die Welt hinaus gejagt. So kommt es immer öfter, jedenfalls ist das mein Eindruck, zu phantastischen Falschmeldungen, die oft auf Gerüchten beruhen oder Artikeln, die Jahre alt sind, werden als „Breaking News“ verkauft. In Teilen artet es aus, als ob besoffene, zugekokste „bild“-Menschen aus den 80ern aus einer Zeitmaschine in das Internet des Jahres 2015 gefallen wären. Sensations- und Reichweitengierig wird alles hochgejazzt, was perfekt in die eigene Empörungsmatrix passt. Wie bei den Rinnsteinblättern verkaufen sich Gerüchte über Todesopfer am besten. Das letzte Wochenende war dafür ein trauriges Beispiel. Dabei spielt es keine Rolle, ob das mit einem halberzigen Konjunktiv getwittert wird oder als felsenfest stehender Fakt. Bei Auseinandersetzungen zwischen türkischen Faschisten und kurdischen Gruppen hätte es in Bern zwei Tote und in Hannover einen Toten gegeben. Als Quellen wurden dabei u.a. Kommentare auf Facebook herangezogen, die von Menschen verfasst wurden, die schrieben, dass sie das von jemandem gehört hätten, der es genau wüsste. Am Ende stellte sich dann heraus, dass es gar keine Toten gegeben hatte. Recherche und kritisches Hinterfragen ist und bleibt ein steiniges Feld, das weniger Früchte trägt, als das daneben liegende Feld der wild sprießenden Gerüchte.

In Berlin kam es am Samstag zu einem Angriffen von 40-60 Nazis auf die Rigaerstraße. In dem Kontext berichtete ein Tweettätiger ebenfalls von einem Toten. Hier und da ein Konjunktiv, dazu eine Prise „Der Polizist hat das so angedeutet“ und oben drauf noch ein paar Blutspritzer. Fertig ist das Gerüchtesouffle. Selbstverständlich fiel auch das in sich zusammen. Schlechte Souffles haben das so an sich. Solche Meldungen tragen zu einer unnötigen Eskalation bei und können Menschen in Gefahr bringen.

Heute gab es dann diese Geschichte mit den Warnschüssen an der deutsch-österreichischen Grenze, die Refugees gegolten haben sollen. RTL verbreitete ungeprüft die Meldung einer so unbekannten, wie zweifelhaften „Nachrichtenagentur“ und viele Tweettätige verbreiteten das empört. Inzwischen ruderte RTL zurück und schob den schwarzen Peter an die „Nachrichtenagentur“ weiter. „Wenn man RTL nicht mehr vertrauen kann, wem soll man denn überhaupt noch vertrauen“, werden sich jetzt viele Fragen? Recherchieren, abwarten, Fakten prüfen und gegenchecken mag zwar etwas aus der Mode gekommen sein, aber es erspart im Nachgang ein peinliches Zurückrudern.

2015 sind mir noch zwei Fälle von „Hauptsache schnell verbreiten, bevor es jemand anderes macht“ gut in Erinnerung. Dieses Fakeposting von Donald Trump, bei dem ich auch als ersten Gedanken hatte „Das passt zu dem Vogel“, aber der zweite und dritte Gedanke waren, dass mit dem Hashtag was nicht stimmt und wo ist der blaue Haken im Profil? Es hat mich dann 30 Sekunden und zwei Klicks gekostet, um festzustellen, dass es sich um ein Fake handelt. Trotzdem waberte der Screenshot zusammen mit empörten Statements über Tage durch meine Timeline.

Der zweite Fall ist aus dem Mai 2015 und behandelt den Nachgang der Ereignisse rund um die Demonstrationen am 1. Mai in Berlin. Da wurde ein vier Jahre alter Artikel in einem Tweet verlinkt, in dem berichtet wird, dass Cops ihre eigenen Kollegen in Zivil verprügelt und gepfeffert hätten. Das hat immerhin 37 Retweets und 33 Favs eingebracht. Mir kam die Meldung schon komisch vor, bevor ich den Link zum Artikel geklickt hatte. Ich konnte mich noch sehr gut an den 1. Mai 2011 erinnern und speziell an diese Vorfälle. Darüber hinaus hatte ich im Nachgang des diesjährigen 1. Mai nichts über derartige copinternen Prügelspiele gehört, aber selbst wenn ich nicht diesen Wissensstand besitzen würde, wäre beim Lesen des Artikels aufgefallen, dass da was faul ist. Da frage ich mich, ob die 37 Personen, die da retweeteten, den Artikel nicht gelesen haben und nur ungeprüft, der eigenen Empörungsmatrix folgend, auf Retweet geklickt haben oder es massiv an Lesekompetenz mangelt? Beides wirft so oder so ein bezeichnend schlechtes Licht auf den Zustand der Medienlandwirtschaft. Ob es nun die professionellen Feldbeackernden sind oder jene, die nur nebenbei hier und da ein Stück Feld im Mediengarten bewirtschaften.

Dieser Artikel ist Teil der losen Reihe „Elend 2015“.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s