Telegehirn

Was ist das für 1 Blog?

Wo das Auge mitisst, da verhungert der Verstand. 

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In der linksradikalen Szene, die es so als monolithischen Block nicht gibt, denn sie kann immer nur die Summe aller Teilnehmenden sein, zählt Verwertbarkeit und Nützlichkeit von Menschen nicht weniger als im Rest der Gesellschaft. Überraschen sollte das nicht, aber es sollte wenigstens beschämen.

Sich als Linksradikale im staatlich verfassten Kapitalismus von eben diesem freizumachen, ist faktisch unmöglich. Nur weil man vegan lebt, sich ausschließlich Biofressen leisten kann und keine imperialistische Coca-Cola trinkt etc., bedeutet das noch lange nicht, dass man sich über den Rest der Gesellschaft erhebt, auch wenn man sich so fühlt. Größte Anstrengungen werden darauf verwendet nur nicht zu diskriminieren und stets die korrekten Formulierungen und adäquaten Schreibweisen zu verwenden. Wenn Menschen schon ausgeschlossen werden, dann sollen sie sich wenigstens nicht Scheisse fühlen und oberflächlich nett behandelt werden. Das Konzept des Klassismus ist da ein solch abschreckendes Beispiel. Seid wenigstens nett zu den Armen, wenn ihr schon nichts gegen Klassenunterschiede unternehmen wollt oder könnt.

Das Konzept des Lookismus ist ein weiteres Beispiel gelebter Heuchelei und hohler Phrasendrescherei ohne wirkliche Konsequenzen für das eigene Verhalten. In Teilen der linksradikalen Szene, insbesondere unter den Jüngeren, hat sich in den letzten Jahre ein Körper- und Schönheitskult entwickelt, der durchaus Parallelen zum faschistischen Kult um Körperlichkeit entwickelt hat.

Hier werden jene Körper- und Schönheitsideale der Mehrheitsgesellschaft nicht nur gedankenlos reproduziert, sondern noch ins Extreme gesteigert. Unreflektiert und begierig werden jene Normen, die von einschlägigen Medien und der boomenden Beautyindustrie ausgespuckt werden, übernommen und gelebt.

Häufig äußert sich dies in ostentativ on- und offline vorgetragenen Statements, wie „hot“, „sexy“ und „gutaussehend“ diese oder jene Person sei. Unter Selfies werden mehr oder weniger eindeutige sexuelle Avancen in Kommentaren gepostet, wobei alle Personen dem gesellschaftlich vorgegebenen Schönheitsideal entsprechen. Jung, schlank, am besten gestählt durch Besuche im Fitnessstudio und im Yogakurs. Wie fragil muss die Selbstwahrnehmung sein, um sich ständig gegenseitig über Oberflächlichkeiten zu versichern, wie attraktiv und sexy man sei? 

Dieser gnadenlose Konkurrenzkampf, in dem es um ausschließlich um sexuelle Verwertbarkeit und optische Nützlichkeit geht, der jene Konkurrenz im Kapitalismus um Essen, Geld, Wohnraum etc. locker in den Schatten stellt, beinhaltet selbstverständlich einen massiven Ausschluss von allen, die nicht den aufgesaugten Idealen entsprechen.

Es wird nicht einmal versucht aus einer „Ich finde … weil“ Perspektive zu formulieren und argumentieren, sondern es werden faktische Wahrheiten postuliert. Solange man dazu gehört und von den ausschließenden Verhältnissen profitiert, fehlt jegliche Wahrnehmung, dass das eigene Verhalten problematisch sein könnte. Sich zu fragen wie die eigenen Präferenzen für Körper- und Schönheitsideale entstanden sind und wie diese laufend befeuert und am Leben erhalten werden, ist wohl selbst für Menschen, die sich als Linksradikale den Prinzipien von Aufklärung und Emanzipation verpflichtet fühlen sollten, zu viel verlangt. 

Nun reite ich hier eine anklagende Attacke vom hohen Roß der Moral. Ich selbst war und bin auch heute nicht immer frei von solchen Gedanken und Verhaltensweisen, aber ich merkte schnell, dass mich diese Oberflächlichkeit nicht weiterbringt und meine Bedürfnisse befriedigt. Was für mich Menschen schön oder hässlich macht, sind Dinge, die diese sagen oder machen. Oder eben nicht sagen oder machen. 

Wie in der Einleitung erwähnt, ist es faktisch eine Unmöglichkeit sich von der kapitalistischen Verwertungslogik freizumachen, solange der Kapitalismus besteht und seine alles erfassende Wirkmächtigkeit entfalten kann. Jedoch wäre es möglich sich der Verwertung der Körperlichkeit und hingeworfenen Schönheitsideale zu entziehen, wenn der Wille zur Reflektion vorhanden wäre und daraus eine Bereitschaft zur Veränderung der Verhaltensweisen entstünde. Das ist aber überhaupt nicht in Sicht. So streben viele, die sich als Linksradikale betrachten, weiterhin einem Ideal des fitten und als attraktiv wahrgenommen Volkskörpers zu. 

Von diesem Konzept wird nun einmal profitiert und wer ist schon bereit auf Profit zu verzichten? 

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