Telegehirn

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Es war eine schöne Zeit mit dir, Nicky

Am 6. Dezember 2007 fand ich Nicky auf einem Friedhof in Neukölln. Zerzaust, hungrig, mit anderen Katzen ums Futter kämpfend fiel sie mir auf. Sie war sehr zutraulich, was sicherlich auch durch ihren großen Hunger bedingt war. Also ab mit ihr zur nächsten Tierärztin, um zu schauen, ob sie einen Chip implantiert hat. Das war nicht der Fall, also nahmen wir sie erst einmal zu uns, obwohl wir schon zwei Katzen hatten. Da sie Flöhe hatte, musste sie erst einmal 24 Stunden, getrennt von den anderen Katzen, im Bad verbringen. Ein Name für sie war schnell gefunden, denn wir hatten sie am Nikolaustag gefunden: Nicky.

Wir bastelten ein provisorisches Katzenklo, ein Bettchen aus Handtüchern, stellten Wasser und Futter hin, was sie schnell und reichlich verputzte. Die ersten 12 Stunden freute sie sich jedes Mal, wenn jemand ins Bad kam und war sichtlich froh, nun im Warmen und Trockenen zu sein, aber mit der Zeit wollte sie endlich den Rest der Wohnung erkunden und die beiden anderen Katzen in Augenschein nehmen, die sich kurz aus der Box heraus gesehen hatte. Eigentlich wollten wir sie nicht behalten, bzw. nach den Leuten suchen, bei denen, so vermutete die Tierärztin, vom Balkon gefallen war. Ich schlug vor, dass wir Zettel aufhängen, aber gleichzeitig gewöhnten wir uns schnell an diese süße Katze, deren Leben offensichtlich bisher kaum katzenmäßig verlaufen war, denn sie konnte weder anständig klettern, noch balancieren. So hängten wir am Ende einen einzigen Zettel auf und beschlossen sie zu behalten.

Nicky am 20.10.2019

Mit den beiden anderen Katzen war das Verhältnis ambivalent. Mit dem Kater verstand sich sich super, aber die andere Katze zeigte der Nicky eifersüchtig die kalte Schulter. Auffällig war, dass die Nicky eine wahre Kampfkatze war. Mit quasi eiserne Pfote war sie bereit um den Rang im Rudel zu kämpfen, aber gleichzeitig sprang sie dazwischen, wenn die beiden anderen Katzen sich fetzten, um der Katze schützend bei Seite zu stehen. Nicky verhielt sich oft wie ein typischer Kater. Sie war sehr territorial, schritt mehrmals am Tag das Revier ab, musterte jeden Besuch und behielt diesen im Auge. Einmal besuchte sie den Nachbarn, der selbst zwei Katzen und einen Kater besaß. Sie stolzierte dort umher, vertrieb die beiden Katzen mit Blicken in das Oberschoß des Kratzbaums, fraß die Schüssel leer, beehrte das Katzenklo und wies den Kater mittels Fauchen zurecht.

Schnell fand ich heraus, dass sie es mochte, wenn man putzte. Vor allem, wenn der Boden feucht gewischt wurde, rannte sie mit Freude über den nassen Boden. Besonders mochte sie es, wenn dabei klassische Musik lief. Eine kulinarische Vorliebe hatte sie für Erdbeerjoghurt und Käse aller Art. Es gab nicht eine Käsesorte, die sie nicht mochte und sie war mit einem kleinen Stück zufrieden. Sie lies sich nicht gerne anfassen oder streicheln, aber mit den Jahren wurde sie allgemein zutraulicher. Ging es zum Tierarzt, musste das Personal dort stets die Handschuhe anziehen, um von der Nicky nicht zerfetzt zu werden. Wenn ich sie festhielt, war sie durchaus ruhig und lies fast alles über sich ergehen. Obwohl es ihr gestern sehr schlecht ging, war das Röntgen nicht einfach und als sie zurück kam, blickte sie extrem erbost und empört drein. Nicky war schon durchaus sehr auf mich fixiert. Sie schlief stets bei mir im Zimmer, auch an ungewöhnlichen und stets wechselnden Orten. Typisch Katze, stieg sie nachts auf den Tisch, um zu schauen, was da zu holen ist, obwohl sie eigentlich nie was stahl. Sie war dann ganz erstaunt, wenn man ihren Namen rief und fragte, was da los sei.

Eine ihrer Marotten war das Fressen von Alufolie, weswegen wir penibel darauf achteten, dass keine Alufolie in ihrer Reichweite war. Bis gestern zeigte sie keine Anzeichen dafür, dass sie krank war. Deshalb kam die Diagnose mit so einer Schockwirkung. Gestern war sie dann plötzlich sehr kurzatmig und apathisch. Das Röntgen machte dann deutlich, dass der Krebs den Darm massiv geschädigt hatte und das Zwerchfell inzwischen arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, weswegen ihr das Atmen so schwer fiel. Zu Hause versuchte sie sich hinzulegen, um zu schlafen, aber jedes Mal, wenn sie den Kopf hinlegte, war zu sehen, wie ihr das atmen noch schwerer fiel. Sie bekam gestern noch einmal Leber und Hühnerbrust, sowie ihr Lieblingsfutter. Nachdem sie Wasser trank, musste sie erbrechen und sie fand die ganze Nacht keine wirklich Ruhe. Sie bekam am Morgen noch einmal ihr Lieblingsfutter und aß davon etwas und verkroch sich dann in einer Ecke hinter einem Sessel.

Die Tierärztin meinte am Freitag, dass wir uns überlegen müssten, die Nicky von ihrem Elend zu erlösen, da Katzen zäh seien und langsam sterben würden. Es könnte sein, dass sie einfach elendig erstickt. Die Tierärztin hatte heute bis 12 Uhr offen und eigentlich war schon gestern Abend klar, dass sie sich nur noch quält und als ich heute früh die Nicky so elend in der Ecke hockend sah, wusste ich, dass man nicht noch bis Montag warten kann. So sehr es auch schmerzte und jetzt noch schmerzt und auch noch sehr lange weh tun wird: Wir konnten es nicht ertragen sie leiden zu sehen. Das alles kam so plötzlich und unerwartet. Nicky hinterlässt eine Lücke, die kaum zu schließen ist. Es war eine schöne Zeit mit dir, Nicky.

Die beiden Behandlungen bei der Tierärztin haben zusammen 140 Euro gekostet. Für uns ist das ein recht großer Betrag, den wir nicht so locker stemmen können. Wer von euch etwas Geld übrig hat, darf hier gerne etwas spenden. Dafür schon einmal Danke im voraus. ❤ Wenn ihr kein PayPal nutzt, könnt ihr mir gerne eine Mail (telegehirn(at)gmail.com) schicken, um eine Bankverbindung zu erfahren.


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Keta im Knie

Als Kind wurde ich regelmäßig von Mandelentzündungen heimgesucht. Unser Hausarzt empfahl, dass sie entfernt werden sollen, aber meine ostentativ vorgetragene Abneigung gegen einen Krankenhausaufenthalt trug wohl zur Verhinderung dieses Eingriffs bei. Mich konnte auch nicht die Aussicht auf eine Eis Flatrate dazu verleiten. Als Erwachsener wurde ich dann weitgehend von einer Mandelentzündung verschont. Bis auf 2009, als ich innerhalb eines Monats zweimal Opfer einer Tonsillitis wurde. Diese Jahr wurde ich zwischen Ende Juni und Mitte September dreimal von einer einer solchen Entzündung niedergestreckt. Stets nahm ich diszipliniert das mir verschriebene Penicillin bis zum Ende ein. Ich schob das erneute Auftreten dieser lästigen Krankheit stets darauf, dass ich vorher kräftig feiern war. Am 10. September suchte ich wieder meinen Arzt auf, bekam das gewohnte Penicillin verschrieben und es schien mir besser zu gehen. Dann kam der 13. September, ein Tag der alles verändern sollte.

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Parlamentarische Reaktionen auf die Räumung der Borni. Ein Trauerspiel in rot und grün.

Am Pfingstwochenende wurde ein seit Jahren leerstehendes Haus in Neukölln, das sich im Besitz der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land befindet, besetzt und am gleichen Tage wieder auf brutale Weise von den Cops geräumt. Verlauf und Hintergründe lassen sich hier nachlesen. Interessant sind die Reaktionen aus den Reihen der Mitglieder des Abgeordnetenhauses von Berlin. Im Folgenden werden die Online-Reaktionen der Abgeordneten der Parteien „die Linke“ und von den Grünen beleuchtet. Hauptsächlich wurden die Twitteraccounts herangezogen und wenn möglich und verfügbar, auch die Facebookprofile.

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Tote Nazis morden nicht!

Sarah Rambatz, Bundessprecherin der Linksjugend solid und Listenkandidatin für die Bundestagswahl der Partei die Linke in Hamburg, hat sich einen bräunlichen Shitstorm 1. Kategorie eingefangen, weil sie in einer Facebook-Gruppe fragte:

antideutsche Filmempfehlungen? & grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben.

Rambatz wurde daraufhin, wie es sich laut Medienberichten darstellt, von einem Otto beim Bundesverband ihrer Partei denunziert. Dieser reagierte sofort. Allerdings nicht solidarisch, wie man es erwarten würde, was aber nicht wirklich überraschend daher kommt, denn die Partei die Linke steht wenig bis gar nicht kritisch zu Deutschland, im historischen, wie im aktuellen Bezugsrahmen. Eine Partei, die eine zu rassistischen und nationalistischen Äußerungen neigende Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl aufstellt, um damit bewusst oder unbewusst am rechten Rand nach Stimmen zu fischen, kann nur ein Haufen ohne jegliche Ähre sein.

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Jeder Wähler ist ein Tröpfchen von dem Öl, das die große Staatsmaschine schmiert.

2017 ist wieder ein Wahljahr auf Bundesebene und wie zu jeder Wahl, erwacht das Bashing der Nichtwählenden, wie der Werwolf sich zum Vollmond erhebt. Schuld seien sie am Elend der politischen Landschaft, ja auch verantwortlich für das Regenwetter und fallende Börsenkurse. Wer nicht wählt, der würde den Rechten, in diesem Jahr der afd, damit einen Vasallendienst erweisen. Lassen wir einmal die eher politischen Gründen beiseite, die zu einer bewussten Wahlenthaltung, ob durch Nichtteilnahme oder ungültig wählen, führen, weitgehend außer Acht. Erich Mühsam hat dazu mit Humbug der Wahlen und mit der Naturgeschichte des Wählers ausreichenden Lesestoff für die Interessierten verfasst. Überzeugte Fans von Staat, Parlament und Kapital lassen sich davon eher selten überzeugen, denn sie sind in ihrem ideologischen Prokrustesbett gefangen und ihre Befreiung können sie nur selbst leisten.

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Wo das Auge mitisst, da verhungert der Verstand. 

In der linksradikalen Szene, die es so als monolithischen Block nicht gibt, denn sie kann immer nur die Summe aller Teilnehmenden sein, zählt Verwertbarkeit und Nützlichkeit von Menschen nicht weniger als im Rest der Gesellschaft. Überraschen sollte das nicht, aber es sollte wenigstens beschämen.

Sich als Linksradikale im staatlich verfassten Kapitalismus von eben diesem freizumachen, ist faktisch unmöglich. Nur weil man vegan lebt, sich ausschließlich Biofressen leisten kann und keine imperialistische Coca-Cola trinkt etc., bedeutet das noch lange nicht, dass man sich über den Rest der Gesellschaft erhebt, auch wenn man sich so fühlt. Größte Anstrengungen werden darauf verwendet nur nicht zu diskriminieren und stets die korrekten Formulierungen und adäquaten Schreibweisen zu verwenden. Wenn Menschen schon ausgeschlossen werden, dann sollen sie sich wenigstens nicht Scheisse fühlen und oberflächlich nett behandelt werden. Das Konzept des Klassismus ist da ein solch abschreckendes Beispiel. Seid wenigstens nett zu den Armen, wenn ihr schon nichts gegen Klassenunterschiede unternehmen wollt oder könnt.

Das Konzept des Lookismus ist ein weiteres Beispiel gelebter Heuchelei und hohler Phrasendrescherei ohne wirkliche Konsequenzen für das eigene Verhalten. In Teilen der linksradikalen Szene, insbesondere unter den Jüngeren, hat sich in den letzten Jahre ein Körper- und Schönheitskult entwickelt, der durchaus Parallelen zum faschistischen Kult um Körperlichkeit entwickelt hat.

Hier werden jene Körper- und Schönheitsideale der Mehrheitsgesellschaft nicht nur gedankenlos reproduziert, sondern noch ins Extreme gesteigert. Unreflektiert und begierig werden jene Normen, die von einschlägigen Medien und der boomenden Beautyindustrie ausgespuckt werden, übernommen und gelebt.

Häufig äußert sich dies in ostentativ on- und offline vorgetragenen Statements, wie „hot“, „sexy“ und „gutaussehend“ diese oder jene Person sei. Unter Selfies werden mehr oder weniger eindeutige sexuelle Avancen in Kommentaren gepostet, wobei alle Personen dem gesellschaftlich vorgegebenen Schönheitsideal entsprechen. Jung, schlank, am besten gestählt durch Besuche im Fitnessstudio und im Yogakurs. Wie fragil muss die Selbstwahrnehmung sein, um sich ständig gegenseitig über Oberflächlichkeiten zu versichern, wie attraktiv und sexy man sei? 

Dieser gnadenlose Konkurrenzkampf, in dem es um ausschließlich um sexuelle Verwertbarkeit und optische Nützlichkeit geht, der jene Konkurrenz im Kapitalismus um Essen, Geld, Wohnraum etc. locker in den Schatten stellt, beinhaltet selbstverständlich einen massiven Ausschluss von allen, die nicht den aufgesaugten Idealen entsprechen.

Es wird nicht einmal versucht aus einer „Ich finde … weil“ Perspektive zu formulieren und argumentieren, sondern es werden faktische Wahrheiten postuliert. Solange man dazu gehört und von den ausschließenden Verhältnissen profitiert, fehlt jegliche Wahrnehmung, dass das eigene Verhalten problematisch sein könnte. Sich zu fragen wie die eigenen Präferenzen für Körper- und Schönheitsideale entstanden sind und wie diese laufend befeuert und am Leben erhalten werden, ist wohl selbst für Menschen, die sich als Linksradikale den Prinzipien von Aufklärung und Emanzipation verpflichtet fühlen sollten, zu viel verlangt. 

Nun reite ich hier eine anklagende Attacke vom hohen Roß der Moral. Ich selbst war und bin auch heute nicht immer frei von solchen Gedanken und Verhaltensweisen, aber ich merkte schnell, dass mich diese Oberflächlichkeit nicht weiterbringt und meine Bedürfnisse befriedigt. Was für mich Menschen schön oder hässlich macht, sind Dinge, die diese sagen oder machen. Oder eben nicht sagen oder machen. 

Wie in der Einleitung erwähnt, ist es faktisch eine Unmöglichkeit sich von der kapitalistischen Verwertungslogik freizumachen, solange der Kapitalismus besteht und seine alles erfassende Wirkmächtigkeit entfalten kann. Jedoch wäre es möglich sich der Verwertung der Körperlichkeit und hingeworfenen Schönheitsideale zu entziehen, wenn der Wille zur Reflektion vorhanden wäre und daraus eine Bereitschaft zur Veränderung der Verhaltensweisen entstünde. Das ist aber überhaupt nicht in Sicht. So streben viele, die sich als Linksradikale betrachten, weiterhin einem Ideal des fitten und als attraktiv wahrgenommen Volkskörpers zu. 

Von diesem Konzept wird nun einmal profitiert und wer ist schon bereit auf Profit zu verzichten?